Ein moderner Schauerroman in Dichterkreisen
Ich wusste, dass es vor allem die magische Aura der für mich göttergleichen großen Geister der Vergangenheit mit Namen Mary Shelley und Lord Byron war, die mich in ihren Bann schlug. Und dennoch konnte ich mich der Sogkraft nicht entziehen. Es gab also gar keine Alternative: Ich musste Die Geister von La Spezia lesen.
Wir schreiben das Jahr 1822. Mary Shelleys Mann Percy Bysshe Shelley ertrank bei einem Schiffsunglück im Sturm zu weit entfernt von der Küste. Doch sein Vater hegt Zweifel. War sein Tod ein Unfall? Oder was ist passiert? Er beauftragt die Agentin Pat Colombari mit der Recherche. Denn Pat beherrscht die Kunst der Reise in die Erinnerung. Sie erfährt, das Percy schon länger von Visionen heimgesucht wurde, die ihm eventuell zum Verhängnis wurden.
Es scheint, als habe sich Percy Shelley mit Mächten eingelassen, die jenseits von Zeit und Raum liegen. Sie lernt Lord Byron kennen und die illustre und doch zerrüttete Gesellschaft der Dichterkreise. Werden sich die dunklen Mächte nun ans Licht zerren lassen?
Den Ursprung hatten die Geschehnisse in einer stürmischen Nacht am Genfer See. Den Text durchzieht eine windumtoste Atmosphäre, das Buchcover spricht Bände. Die Macht das Meeres ist spürbar, die dunkle Seite des Geistes beflügelt. Die Dichter. Grossartig erwacht die Welt der gemarterten Protagonist*innen um Venedig, la Spezia und Pisa zum Leben.
Leider funktioniert die Figurenzeichnung hingegen nicht besonders gut. Die Dialoge und Szenen wirken durchgehend wie ein Theaterstück, die Figuren bleiben mit den wenigen ihnen zugestandenen Charaktereigenschaften seltsam hölzern. Gerade weil sich die Handlung an den historischen Ereignissen orientieren, wäre hier deutlich mehr Raum geblieben, den Figuren Menschlichkeit einzuhauchen.
Die Zerrissenheit Percy Shelleys zwischen der Sorge um seine Familie, dem Wunsch, selbst ein grosser Dichter zu sein und seiner Besessenheit von Lord Byron und dessen Zuneigung, ist hingegen gelungen herausgearbeitet. Sein persönliches psychologisches Dilemma führt zur Katastrophe.
Der Ursprung der Visionen und die Methoden Mary Shelleys hingegen sind enttäuschend vorhersehbar und referieren auf die Schauerromane von E.T.A. Hoffmann und Mary Shelley selbst. Auch das dunkle Geheimnis in Byron’s Keller ist als Konstrukt nichts Neues in der Welt der Bücher und Filme.
Für mich hat dieser Roman also deutliche Schwächen, auch wenn ich gerne mit an die Schauplätze in Mary Shelleys Erinnerung gereist bin. Die Idee ist richtig gut, die Umsetzung meiner Meinung nach nicht ganz gelungen.