Erinnerungsreisen auf den Spuren von Frankensteins Monster

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belinablack Avatar

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Genua im Jahr 1822. Die frisch verwitwete Mary Shelley erhält Besuch von Pat Colombari, die den Tod von Percy Bysshe Shelley untersuchen soll. Schnell wird klar, dass es sich bei Pat nicht um eine normale Ermittlerin handelt – sie verfügt über einen Apparat, mit dessen Hilfe sie in die Erinnerungen anderer Menschen eintauchen kann. Auf diesem Weg reisen die Leser/-innen in die Vergangenheit, lernen den berühmten Freundeskreis des Ehepaars kennen (darunter Lord Byron, John Polidori und Claire Clairmont) und finden schließlich gemeinsam mit Pat heraus, welche Ereignisse Mary Shelley dazu inspiriert haben, den weltberühmten Roman „Frankenstein“ zu verfassen und wer die „Geister von La Spezia“ sind.

Die Idee der Erinnerungsreise („Mnemoskopie“) ist originell und gut umgesetzt: Anders, als z. B. bei einer Zeitreise sind Reisen in die Erinnerung immer subjektiv eingefärbt und Pat kann so die gleichen Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen. Auch verdrängte und „geschönte“ Erinnerungen sowie jede Menge Geheimnisse kommen letztendlich ans Tageslicht und helfen bei der Aufklärung des Falles. Der Autor schafft es wunderbar, die „Erinnerungsszenen“ so zu beschreiben, dass man sie den jeweiligen Personen gut zuordnen kann und ich immer wusste, in welchem Kopf Pat gerade unterwegs war. Besonders unterhaltsam und leicht skurril ging es z. B. im Kopf des Schriftstellers Trelawny zu, der sich offensichtlich selbst etwas heroischer sah, als es seine Umwelt tat. Und die Tatsache, dass Percy Shelley regelmäßig von Laudanum benebelt war, schlägt sich natürlich auch in seinem Erinnerungsvermögen wieder.

Freundeskreis und Zeitgenossen der Shelleys beruhen auf den realen Personen und auch verschiedene Ereignisse haben so oder ähnlich tatsächlich stattgefunden. Da ich mich besonders für Gothic Novels und den Literatenzirkel um die beiden interessiere, habe ich die Geschichte mit Spannung verfolgt und immer wieder das Buch zur Seite gelegt, um zu recherchieren, was tatsächlich dokumentiert ist und was Fiktion.

Etwas Punktabzug gibt es für mich für die Rahmenhandlung. Hin und wieder kommuniziert Pat über ihre Apparatur mit einem „Gus“, über den nicht viel bekannt ist. Andeutungsweise wird auch von einem Charlie gesprochen, der offenbar in der Nutzung der Mnemoskopie zu weit gegangen ist und irgendwo in Erinnerungen oder der Zeit verloren gegangen ist. In der ersten Hälfte des Buches kam es mir so vor, als hätte ich den ersten Band einer Reihe verpasst, in dem die Technik und die dahinterstehende Organisation bereits eingeführt wurde. In der zweiten Hälfte des Buches gibt es dann einige Hinweise und Manches (aber nicht alles) wird aufgeklärt.

Vielleicht plant der Autor ja weitere Bände um Pat, der diese Lücken noch schließt. Falls sie demnächst noch in die Erinnerungen anderer berühmter Persönlichkeiten reisen sollte, wäre ich gerne wieder dabei, denn ich mochte es sehr, wie er sich den Geschehnissen aus unterschiedlichen Perspektiven nähert und eine sehr atmosphärische Stimmung aufbaut, wie sie auf dem Buchcover perfekt gespiegelt ist.