Frankenstein meets Inception

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wanderdrache Avatar

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Der Roman greift historische Biografien auf und stellt sie in einen neuen Kontext. Ein gewisses Interesse am 19. Jahrhundert und der Literatur dieser Zeit bzw. den berühmten Erschaffer*innen ist sicher ein Vorteil. Ein ungewöhnlicher und gut gemachter Text.

Schreibstil:

Auch in diesem Buch ist der Schreibstil des Autors poetisch, klangvoll und bildhaft. Ich lese selten Texte, die auf diesem Niveau geschrieben sind. Großes Lob.

5 Sterne

Charaktere:

Die Charaktere waren glaubhaft, ambivalent und interessant. Es sind nicht die Art von moralisch grauen Figuren, die ich sonst gerne lese, aber sie sind auf ihre Art und Weise interessant – auch, wenn man im Hinterkopf hat, das sie auf realen historischen Persönlichkeiten basieren.

4,5 Sterne

Handlung und Struktur:

Das Buch war zu keinem Zeitpunkt langweilig – aber es war auch kein Pageturner. Das lag daran, dass am Anfang für mich nicht ganz klar war, was eigentlich der zentrale Konflikt ist. Eine bestimmte Auflösung war, wenn man etwas Hintergrundwissen hat, natürlich erwartbar. Gut gemacht fand ich, dass nicht immer chronologisch erzählt wird und verschiedene Ebenen verflochten werden. Dadurch bleibt die Handlung dynamisch. Etwas schwierig war das Auftreten von vielen Nebenfiguren. Da kam es bei mir zu leichten Verwirrungen, die etwas bremsend wirkten.

4 Sterne

Tiefgang:

Der Roman stellt Fragen über menschliche Beweggründe und auch über die moralische Bewertung verschiedener Handlungen – ohne dabei aber die Moralkeule zu schwingen. Die Leser*innen dürfen sich hier ruhig selbst ein Urteil bilden.

Gut dargestellt ist auch das Leid, das Frauen erfahren. Man lernt sie hier nicht als vollkommen diskriminierte Geschöpfe kennen, aber die Grenzen ihrer Freiheit werden immer wieder sichtbar, dazu die körperlichen Beeinträchtigungen durch Schwangerschaft und die emotionalen Folgen von Fehlgeburten und Kindstoden.

Die historischen Hintergründe wirken gut recherchiert und an vielen Stellen offenbart sich eine fundierte Kenntnis über das 19. Jahrhundert.

Zusammenfassend: Ein sehr gelungenes Konzept, das zum Nachdenken anregt.

5 Sterne

Worldbuilding:

Das Setting Italien ist atmosphärisch umgesetzt. Dabei werden verschiedene Schauplätze abgeklappert: vom titelgebenden La Spezia bis nach Florenz, Genua und Venedig (und mehr).

5 Sterne

Natürlich geht es in diesem Buch nicht umsonst um Mary Shelley, der Autorin von "Frankenstein". Das heißt aber nicht, dass sie tatsächlich die Hauptfigur wäre. Diese ist die fiktive Pat, aus deren Sicht wir Mary und die Persönlichkeiten aus ihrem Umfeld kennenlernen. Neben erwartbarer Verwicklungen spielt das Buch mit einer Art, ich nenne es jetzt mal "Magiekonzept", das an das Träumebereisen aus "Inception" erinnert. Das verleiht eine angenehme Komplexität.

Das Buch eignet sich für alle, die Interesse an Geschichte haben, Komplexität nicht scheuen, poetische Sprache zu schätzen wissen. Wer einen rasanten Pageturner zum Wegsuchten sucht, ist hier falsch. Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

Gesamtwertung: 4,7 Sterne, macht gerundet 5 Sterne