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chomaky95 Avatar

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Rezension zu Ben Shattucks „Die Geschichte des Klanges“

Ben Shattucks Roman „Die Geschichte des Klanges“ ist ein leises, zugleich ambitioniertes Buch, das sich mit Erinnerung, Vergänglichkeit und der Frage beschäftigt, wie Klang – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – menschliche Erfahrung bewahrt. Der Roman ist klar in zwei Teile gegliedert, die nicht nur formal, sondern auch in ihrer erzählerischen Wirkung stark voneinander abweichen.

Part eins: Eine außergewöhnliche literarische Erfahrung

Der erste Teil des Romans ist zweifellos das Herzstück des Buches und literarisch herausragend. Im Zentrum steht die Begegnung zweier junger Männer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, deren gemeinsames Interesse an Musik, Volksliedern und akustischer Erinnerung sie verbindet. Ihre Reisen durch ländliche Gegenden, auf der Suche nach verschwindenden Klängen und Liedern, entfalten sich ruhig, fast meditativ. Shattuck gelingt es hier, Klang als etwas zutiefst Menschliches darzustellen: als Träger von Nähe, Begehren, Verlust und Zeit.

Besonders überzeugend ist die subtile Emotionalität. Die Beziehung der beiden Protagonisten wird nicht ausgestellt, sondern entsteht zwischen den Zeilen – getragen von Blicken, Pausen und gemeinsamem Hören. Sprache und Struktur sind dabei fein aufeinander abgestimmt; der Text wirkt konzentriert, poetisch und von einer großen inneren Geschlossenheit. Part eins liest sich wie eine in sich vollendete Novelle und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.

Part zwei: Ein Nachhall ohne echte Notwendigkeit

Der zweite Teil des Romans setzt zeitlich und thematisch später an und versucht, die Motive von Erinnerung und Weitergabe fortzuführen. Hier verschiebt sich der Fokus weg von der intensiven Beziehung und hin zu einer eher abstrakten Reflexion über Vermächtnis, Archivierung und historische Einordnung. Während diese Perspektive auf dem Papier sinnvoll erscheint, bleibt sie erzählerisch deutlich schwächer.

Im Vergleich zur emotionalen Dichte des ersten Teils wirkt Part zwei distanziert und fragmentarisch. Die Figuren bleiben blass, die Ereignisse scheinen eher behauptet als erlebt. Was zuvor lebendig und klangvoll war, wird nun erklärend und verliert an Dringlichkeit. Der zweite Teil fügt dem Roman zwar Kontext hinzu, erscheint jedoch in seiner Ausführung weitgehend bedeutungslos, da er weder neue emotionale Tiefe schafft noch die zentrale Erfahrung des ersten Teils überzeugend erweitert.

Fazit

„Die Geschichte des Klanges“ ist ein Roman mit einem außergewöhnlich starken ersten Teil, der durch seine poetische Sprache, seine stille Intensität und seine feine Figurenzeichnung besticht. Der zweite Teil kann dieses Niveau nicht halten und wirkt eher wie ein Nachwort als wie ein notwendiger Bestandteil des Ganzen. Dennoch bleibt der Roman lesenswert – vor allem wegen der eindrucksvollen Erfahrung, die Part eins bietet. Dieser allein rechtfertigt die Lektüre und hallt lange nach, wie ein Klang, der nicht ganz verklingt.