Was macht einen guten Menschen aus?

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missmarie Avatar

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"Reagieren meine Gefühle auf ihn wie Lichtwellen? Sind wir ein verschränktes Photonenpaar?"

Lily stellt sich diese Frage in Debra Curtis Debüt "Die Gesetze von Liebe und Logik" in Bezug auf ihre Jugendliebe. War ihr mit 17 Jahren klar: Denn Mann werde ich heiraten, so findet sie sich Jahre später doch an der Seite von Marshall. Den etwas älteren Ornithologen hat sie im Studium kennengelernt und war vom ersten Moment an von seinen Geschichten über Vögel verzaubert. Bis hierhin mag die Inhaltsangabe wie eine x-beliebige Liebesgeschichte klingen. Doch das ist sie nicht. Denn der Junge und Lily trennen sich nach der Highschool aufgrund eines Vorfalls, der vor Gericht endet, und den geplanten Lebensweg beider deutlich durchkreuzen soll. Die Frage nach er eigenen Schuld begeleitet Lily ein Leben lang. Eng damit verbunden auch der Gedanken, kann ich nicht zwei Männer lieben?

Zugegebenermaßen bin ich nur schwer in den Roman hineingekommen. Im ersten Teil wird das Leben der Jugendlichen Lily in einem katholischen Haushalt beschrieben. Da geht es seitenweise um die Frage vom Verhältnis der Religion zur Wissenschaft (beispielsweise inwiefern Evolutionstheorie und Religion miteinander zu vereinbaren sind). Aber auch Baseball (oder war es Football?) steht durch den Jungen stark im Fokus. Ein gesamtes Kapitel lang wird etwa ein Spiel im Detail beschrieben. Als Laie in der Sportart versteht man wenig und so war das Leseerlebnis eher zäh.
Auch ist die Erzählweise zu Beginn merkwürdig gerafft und distanziert. Auf wenigen Seiten werden mehrere Jahre verhandelt, in denen unter anderem Lily Mutter stirbt. Durch die Raffung bleiben auch solch eigentlich emotionale Momente seltsam steril. Erst zum Ende des ersten Teils ändert sich das schlagartig. Wir bis hierhin durchgehalten hat, wird im Folgenden belohnt.

In Teil 2 und 3 rafft Curtis zwar noch immer, nutzt Zeitsprünge von mehreren Jahren, aber Lilys Gefühlswelt wird zugänglicher. Beeindruckend ist, welch breites Fachwissen die Autorin durch ihre Figuren vermitteln kann. Vögel und Klimawandel spielen genauso eine Rolle wie Quantenphysik und schwarze Materie oder Mythologie. Hier scheint durch, dass die Autorin eigentlich Professorin für Anthropologie gewesen ist, bevor sie mit dem Schreiben begonnen hat. Vermutlich konnte sie sogar auf die eine oder andere Feldstudie zurückgreifen. Dennoch heißt das für die Leser: Oft muss viel Wissen aktiviert werden, um Anspielungen und Humor zu verstehen. Wenn sich das Wissen auf die amerikanische Alltagskultur der 70er und 80er Jahre bezieht, war ich leider oft raus.

Curtis schreibt mit "Die Gesetze von Liebe und Logik" nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern auch die Erzählung einer Frau, die in einer Zeit groß wird, in der sich Geschlechterrollen und -bilder langsam verändern. So gibt es immer wieder Bezüge zur Frauenbewegung und zur Anerkennung von Homosexualität, die zentral für die Handlung sind. Besonders gelungen ist dabei, dass Curtis Lily über die Themen nachdenken lässt, ohne dass es zu einer eindeutigen Lösung kommt. Es ist also am Lesenden, sich selbst ein Urteil - auch über Lily Schuld - zu bilden. Hinter dem teils distanzierten, auktorialen Erzählstil verbirgt sich nicht weniger als die Frage: Was macht einen Menschen zu einem GUTEN Menschen? Und ab wann ist er nicht mehr gut?

"Die Gesetze von Liebe und Logik" ist ein feinfühliger Roman über das Menschsein an sich. Eine Erzählung genauso über Liebe wie über enge Schwesternbeziehungen, über Schuld und über Feminismus in den USA. Trotz der im Vergleich zur Themenfülle geringen Seitenzahl werden all diese Bereiche gelungen abgehandelt.