Zwischen Herz und Verstand

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
fullybooked Avatar

Von

Zuerst zum Cover: ein junges Paar und die warmen Töne, das schreit geradezu New England, wo genau der Roman auch spielt. Die Gestaltung hätte kaum stimmiger sein können.
Der Roman begleitet die Schwestern Lily und Jane über mehrere Jahrzehnte, von der Jugend an der Ostküste bis ins Erwachsenenleben und fragt, was Liebe eigentlich bedeutet, wenn das Leben einen immer wieder einholt. Eine große Frage, die die Autorin Debra Curtis klug und ohne einfache Antworten auftut.
Was mich wirklich begeistert hat, sind die Figuren. Die Frauen des Buches hier sind nicht eindimensional oder bloße Nebendarstellerinnen ihrer eigenen Geschichte. Sie handeln, zweifeln und entscheiden. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit. Besonders Jane hat mich mitgerissen, mit Lily bin ich ehrlich gesagt nie ganz warmgeworden, auch wenn ich ihre innere Zerrissenheit gut nachvollziehen konnte. Die gesamte Familie Webb ist toll ausgearbeitet und die Kombination aus Wissenschaft und Glauben, die den Roman durchzieht, gibt dem Ganzen eine schöne Tiefe.
Lilys Jugendliebe bleibt namenlos und wird einfach immer nur „der Junge" genannt. Den Kontrast, dass die Frauen so ausgefleischt sind und der männliche Protagonist umso mythischer ist, fand ich mal etwas ganz anderes und sehr klug umgesetzt.
Der Schreibstil ist ruhig und selbstbewusst und fängt die Vielschichtigkeit gut ein. Zwischendurch wird es allerdings sehr fachspezifisch: Ornithologie, Anthropologie, Kunstgeschichte, was man einer Leserin oder einem Leser vielleicht manchmal etwas aus dem Lesefluss reißen könnte. Ich war gerne dabei, aber komplett eingesogen war ich nicht immer.
Dass Curtis früher Professorin für Anthropologie war und sich auf Gender und Sexualität spezialisierte, merkt man dem Buch im besten Sinne an.
Wer also starke Frauenfiguren, literarischen Anspruch und eine ehrliche Liebesgeschichte sucht, ist hier genau richtig. Für mich kein Pageturner, aber ein Buch, das nachhallt. Empfehlenswert!