Mensch und Tier bleiben eine oberflächliche Verbindung

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Einmal mehr spielt ein Tier in John Ironmongers neuem Roman »Die Insel der Schimpansen« eine tragende Rolle, und bei diesem Titel ist es nicht weiter schwierig zu erraten, dass diesmal der Menschenaffe im Mittelpunkt steht. Die allseits bekannte Ähnlichkeit dieser Säugetiere zum Menschen wird von Ironmonger dabei auf eine neue Ebene gehoben, denn in seinem Roman werden die Schimpansen so menschlich wie nur möglich dargestellt, wobei vor allem die Fähigkeit zur Kommunikation als entscheidendes Verbindungsstück zwischen den beiden Spezies dient. Die junge Forscherin Angel begibt sich auf eine abgelegene Insel vor der Küste Tansanias, weil sie fest davon überzeugt ist, dass Schimpansen untereinander wesentlich differenzierter kommunizieren, als bislang angenommen wurde, und sie diesen Verdacht wissenschaftlich beweisen möchte. Tatsächlich gelingt es ihr erstaunlich schnell, einen Zugang zu den dort lebenden Schimpansen zu finden, von ihnen akzeptiert zu werden und schließlich sogar unter ihnen zu leben. Doch als skrupellose Trophäenjäger die Gruppe als Jagdziel auswählen, gerät Angel zwischen die Fronten und muss sich entscheiden zwischen den Menschen, denen sie selbst angehört, und den Tieren, zu denen ihre eigentliche emotionale Bindung entstanden ist.
Mit diesem Szenario entwickelt Ironmonger zunächst einige interessante Ansätze, weckt aber zugleich schon früh eine gewisse Skepsis, denn der Anspruch, die Kommunikation zwischen Menschen und Affen auf eine völlig neue Stufe zu heben, wirkt zunächst ziemlich ambitioniert und nur schwer glaubwürdig. Der durchschnittliche Leser dürfte sich schließlich fragen, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet noch möglich sind, die tatsächlich weit über das bereits Bekannte hinausreichen. Und gerade in Bezug auf diesen zentralen Aspekt zeigt der Roman dann auch einige seiner größten Schwächen. Zum einen scheint der Autor lange davor zurückzuschrecken, tatsächlich zum Kern seiner eigenen Thematik vorzudringen. Angels Vorbereitungen auf ihre Forschungsreise werden unnötig ausführlich beschrieben, während etwa ihr Erlernen des Kletterns zwar für die Logik der Handlung kaum bedeutend ist, dennoch erstaunlich viel Raum einnimmt und dadurch eher den Eindruck einer erzählerischen Umständlichkeit erzeugt.
Mit dem eigentlichen Beginn der Forschungsreise verändert sich das Tempo dann allerdings beinahe abrupt. Fast übergangslos und ohne nennenswerte Schwierigkeiten findet Angel Zugang zu den Schimpansen und wird innerhalb kürzester Zeit zu einer akzeptierten Angehörigen ihrer Gruppe. Auch die Kommunikation, die eigentlich den wissenschaftlichen Kern der gesamten Expedition bilden sollte, wird nicht ausreichend fundiert oder nachvollziehbar entwickelt, sondern scheint Angel beinahe spielend leicht zugänglich zu werden. Sie versteht die Tiere erstaunlich schnell und kann ihre Kommunikationsformen unmittelbar auf ihre Forschungsarbeit übertragen, wodurch die gesamte Entwicklung kaum schlüssig, wenig ausgereift und erst recht nicht wirklich wissenschaftlich wirkt. Gerade hier hätte der Roman deutlich mehr Geduld und Differenzierung benötigt, denn die Frage, wie eine Verständigung zwischen zwei Spezies tatsächlich funktionieren könnte, hätte durchaus das Potenzial für eine wesentlich spannendere und intellektuell anspruchsvollere Geschichte gehabt. Stattdessen wird die zentrale Idee häufig auf eine fast märchenhafte Ebene reduziert, in der die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Fiktion und kindlicher Abenteuererzählung zunehmend verschwimmen.Der eigentliche Knackpunkt des Romans wirkt dadurch stellenweise bilderbuchhaft, beinahe karikaturenhaft, was durch die ohnehin große Nähe der Schimpansen zum Menschen und ihre daraus resultierende Verwendung in Cartoons und populären Erzählungen noch verstärkt wird. Kaum verwunderlich ist daher, dass Ironmonger nicht allzu lange bei dieser Thematik verweilt, sondern die Geschichte zunehmend in eine klassische Abenteuergeschichte überführt, in der Angel gemeinsam mit ihren Schimpansen gegen skrupellose Trophäenjäger kämpft, die erwartungsgemäß eindeutig die Rolle der Bösen übernehmen. Fast schon in Hollywood-Manier wird hier vom Aufstand der Tiere gegen ihre menschlichen Feinde erzählt, auch wenn Ironmonger glücklicherweise nicht ganz so weit geht wie etwa »Der Planet der Affen«. Dennoch ist die Nähe zu diesem bekannten Stoff unübersehbar und dürfte kaum zufällig sein, zumal das Motiv der sich gegen den Menschen erhebenden Affen zweifellos bewusst in den Roman einfließt.
»Die Insel der Schimpansen« ist damit ein durchaus seltsames Buch, das verschiedene interessante Ansätze miteinander verbindet, ohne einen davon wirklich konsequent auszuschöpfen. Es versucht, eine Brücke zwischen Mensch und Tier zu schlagen, und greift dabei durchaus ausführlich die Frage auf, mit welchem Recht der Mensch sich herausnimmt, über die Tierwelt zu bestimmen und andere Lebewesen seinen eigenen Interessen unterzuordnen. Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Diskussionen über Massentierhaltung, Veganismus und die grundsätzliche Stellung des Menschen innerhalb der Natur ist dies zweifellos ein relevantes Thema. Außer einigen eher naheliegenden und teilweise biblischen Verweisen gelingt es Ironmonger jedoch kaum, dieser Diskussion wirklich neue Gedanken hinzuzufügen.
Letztlich bleibt »Die Insel der Schimpansen« deshalb vor allem eine Unterhaltungslektüre, die allerdings auch innerhalb dieses Genres nur bedingt überzeugen kann. Die Geschichte ist grundsätzlich kurzweilig und stellenweise temporeich, wobei insbesondere die Schimpansen erstaunlich dreidimensional wirken und dem Leser tatsächlich ans Herz wachsen können, beinahe so, wie man es sonst von gelungenen menschlichen Hauptfiguren kennt. Gerade diese emotionale Bindung an die Tiere gehört zu den Stärken des Romans und zeigt, dass Ironmonger durchaus ein Gespür dafür besitzt, tierische Figuren glaubwürdig und sympathisch zu gestalten. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Grundlage, auf der die gesamte Handlung aufbaut, jedoch zu oberflächlich und unglaubwürdig, um den Roman wirklich tragen zu können. Auch die anschließende Abenteuergeschichte ist letztlich nicht spannend genug, um über diese Schwächen hinwegzusehen und dem Buch zumindest den Status einer wirklich gelungenen, anspruchsvollen Unterhaltungslektüre zu sichern. »Die Insel der Schimpansen« ist daher durchaus lesbar und kurzweilig und besitzt mit seiner ungewöhnlichen Ausgangsidee auch ein kleines Maß an Originalität. Für ein echtes Highlight fehlt dem Roman jedoch sowohl die wissenschaftliche Tiefe als auch die erzählerische Konsequenz, die einige von Ironmongers früheren Werken durchaus ausgezeichnet haben.