Wo der Mensch aufhört

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Was unterscheidet eigentlich den Menschen vom Tier? Sprache, Vernunft oder das Bewusstsein der eigenen Existenz? Vielleicht ist die Grenze, die wir zwischen uns und anderen Lebewesen ziehen, viel durchlässiger, als wir annehmen. John Ironmonger stellt diese Frage in Die Insel der Schimpansen nicht als abstraktes Gedankenexperiment, sondern schickt seine Figuren dorthin, wo sie ganz konkret wird: mitten in eine Gemeinschaft von Schimpansen.

Besonders die junge Angel Restorick ist für diese Begegnung wie geschaffen. Bevor sie Primatologin wurde, war sie eine begabte Turnerin, die sich zumindest theoretisch schon mit diesen Tieren auseinandergesetzt hatte. Angel genügt es dabei nicht, die dort lebenden Schimpansen aus sicherer Entfernung zu beobachten. Sie klettert mit ihnen in die Bäume, lernt ihre Gesten und Laute und versucht, ihre Kommunikation zu entschlüsseln. Vor allem zu Milo entwickelt sie eine besondere Beziehung. Aus der Wissenschaftlerin, die das Verhalten einer fremden Spezies erforscht, wird allmählich eine Frau, die sich dieser Gemeinschaft stark verbunden fühlt.

Ironmonger wechselt dabei immer wieder zur Perspektive der Schimpansen und lässt uns die Welt durch ihre Augen wahrnehmen. Milo, Hootha, Doggie oder Nixon treten zunehmend als eigene Persönlichkeiten hervor. Sie schließen Freundschaften, kämpfen um ihre Stellung in der Gruppe und reagieren auf Verluste. Dass Ironmonger sie miteinander „sprechen“ lässt, gehört hier zum Roman. Gerade dadurch verschiebt sich auch die Perspektive: Der Mensch ist nicht länger derjenige, der allein beobachtet. Auch die Schimpansen betrachten die Menschen und versuchen, sie zu verstehen.

Sie als Individuen wahrzunehmen, erinnert dabei sofort an Jane Goodall, deren Arbeit Ironmonger stark geprägt hat. Besonders In the Shadow of Man nennt er sie in seinen Anmerkungen als wichtigen Einfluss. Goodall brach mit wissenschaftlichen Konventionen, indem sie den von ihr beobachteten Schimpansen Namen gab und ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten ernst nahm. Ironmonger greift diesen Blick literarisch auf. Zudem hat ein weiterer wichtiger Gedanke des Romans einen realen Hintergrund: Schimpansen wurden dabei beobachtet, bestimmte Pflanzen zu fressen, die eine medizinische Wirkung besitzen. Die Forschungen Catherine Hobaiters zur gestischen Kommunikation wild lebender Menschenaffen lieferten Ironmonger Material für einzelne Szenen.

Gerade die Verbindung von wissenschaftlicher Grundlage und erzählerischer Freiheit macht den Reiz des Romans aus. Ironmonger vermenschlicht seine Schimpansen teilweise stark, behauptet aber nicht, ein naturgetreues Abbild ihres Denkens zu liefern. Vielmehr spielt er eine Möglichkeit durch: Was wäre, wenn wir tatsächlich verstehen könnten, was in ihnen vorgeht? Die Antwort darauf erzählt mindestens ebenso viel über den Menschen wie über den Schimpansen.

Diese Frage bekommt eine zunehmend düstere Bedeutung, als die abgeschiedene Insel bedroht wird. Menschen, die vorgeben, Tiere schützen zu wollen, verfolgen eigentlich ganz andere Interessen. Spätestens hier wird deutlich, dass Ironmonger nicht nur von der Verständigung zwischen zwei Spezies erzählen möchte, sondern auch davon, welches Recht der Mensch beansprucht, über andere Lebewesen zu verfügen. Seine Haltung zur Trophäenjagd ist eindeutig und wird in den Anmerkungen am Ende des Buches noch einmal nachdrücklich formuliert. Gelegentlich trägt der Roman seine Botschaft dadurch etwas zu deutlich vor sich her. Stärker ist er dagegen in Abschnitten, wo Ironmonger darauf vertraut, dass seine Schimpansen diese Frage durch ihr Verhalten stellen.

Trotz des ernsten Themas liest sich Die Insel der Schimpansen über weite Strecken wie ein Abenteuerroman. Die wissenschaftlichen Fragen sind in eine spannungsreiche Handlung eingebettet, während Angels Beziehung zu Noah der Geschichte eine persönlichere Note gibt. Im turbulenten letzten Teil wird manches stark zugespitzt und wirkt nicht immer glaubwürdig. Angel hält die unterschiedlichen Teile des Romans jedoch zusammen. Je besser sie die Schimpansen versteht, desto schwieriger wird es für sie, zwischen Beobachtung und Zugehörigkeit zu unterscheiden. Was zunächst als Forschungsreise beginnt, verändert schließlich ihren Blick auf das eigene Leben.

Yasemin Kaplan