Ich bin gespannt!

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söphken Avatar

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Die Insel meiner Schwester hat mich besonders berührt, vielleicht auch deshalb, weil ich selbst eine persönliche Verbindung zu Schweden habe und mich in der Atmosphäre des Buches sofort zu Hause fühlte. Die kühle Weite, das Meer, die Eigenwilligkeit der Inseln und das stille Drama, das in vielen schwedischen Beziehungen mitschwingt, haben mir das Gefühl gegeben, nicht nur zu lesen, sondern heimzukehren.

Mirjam wirkt von Beginn an wie eine Frau, die versucht, alle Erwartungen zu tragen und gleichzeitig langsam daran zerbricht. Ihr Schmerz bleibt nicht dekorativ, sondern wirkt roh und unmittelbar. Gerade das empfinde ich als feministischen Moment. Das Buch zeigt sehr klar, wie Frauen oft funktionieren müssen, selbst wenn ihr Inneres längst zersplittert ist. Mirjam steht da als Beispiel für eine unzählige Zahl von Frauen, die weiterarbeiten, weitertrösten, weiter lächeln, obwohl sie abends allein weinen.

Die Beziehung zu ihrer Schwester Nia bildet einen stillen, dunklen Kern der Geschichte. Die Verbindung der beiden ist zärtlich und zerstörerisch zugleich, und sie erinnert daran, wie tief weibliche Bindungen reichen können, auch wenn sie kompliziert oder von Schuld durchzogen sind. Elfgren zeigt Schwesternschaft nicht als romantisierte Harmonie, sondern als Geflecht aus Nähe, Verletzung und Loyalität. Das hat mich oft an meine eigenen Beziehungen erinnert und daran, wie viel unausgesprochene Verantwortung Frauen im emotionalen Gefüge ihrer Familien übernehmen.

Besonders eindrucksvoll fand ich, wie leise das Buch von weiblicher Stärke erzählt. Diese Stärke liegt nicht im nahtlosen Aushalten, sondern im Zusammenbrechen und Wiederaufstehen, im Wiederfinden der eigenen Stimme, im Erkennen, dass Fürsorge kein Einbahnweg sein darf. Mirjam lernt, dass sie nicht nur die Starke sein muss, sondern auch die, die Hilfe braucht und annehmen darf.

Am Ende blieb bei mir das Gefühl, eine Geschichte gelesen zu haben, die Frauen nicht idealisiert, sondern ernst nimmt. Eine Geschichte, die zeigt, wie mühsam es sein kann, wieder bei sich selbst anzukommen. Und genau in dieser Mühe liegt der feministische Kern, der mich lange nach dem Lesen begleitet hat.