Die Suche nach dem neuen Leben

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federfee Avatar

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Wir werden alle mal alt und dann ändert sich das Leben, aber es kann auch ganz plötzlich passieren so wie bei der erfolgreichen 60-jährigen Journalistin und Radiomoderatorin Kora von Stein, so plötzlich, dass es einen aus der Bahn wirft und man sich neu orientieren muss.

Nach einer schweren Operation am offenen Herzen, über die sie in kurzen Kapiteln mit dem Titel ‘Orionzeit’ einfühlsam und eindrücklich berichtet, ihre Ängste schildert und ihren Kampf zurück ins Leben, steht sie anscheinend am Ende ihres bisherigen Berufslebens. Sie muss die Entscheidung treffen, wie sie mit einem Auflösungsvertrag umgeht und auch die Eigentumswohnung in Berlin, in der einst ihre Mutter und dann ihr Vater wohnte, muss vermietet oder verkauft werden. In Berlin ist sie geboren, aber jetzt wohnt sie seit über 20 Jahren mit ihrem Ehemann Anselm in einem Haus in Köln.

‘Sie weiß doch selbst nicht, wie sie wieder Fuß fassen soll in ihrem Leben.’ (25). ‘Was willst du, Kora? Was mit dem Rest deines Lebens?’

Diese Gedanken finden sich bei Kora immer wieder, ziehen sich fast durch das ganze Buch. Sie fühlt sich noch zu jung für den Ruhestand und für Alters-Hobbys. Kann sie so leben, wie ihr Ehemann Anselm sich das gedacht hat? Mit ihm hat sie zwanzig Jahre lang eine Wochenendehe geführt, weil er Referent in Berlin war. Nach Koras lebensbedrohlicher OP hat er sich in den Vorruhestand versetzen lassen und im Gegensatz zur ratlosen Kora ist er sehr zufrieden, will ihr und einem Hobby seine Zeit widmen. Er genießt die Freiheit und verfolgt seine Pläne, im Garten einen Schwimm- und Libellenteich anzulegen.

Kora aber hat Angst vor einem Leben ohne Beruf, sieht es als ein tägliches Verschwinden, weiß nicht mehr, ob sie jeden Tag mit Anselm zu Hause leben kann, ob sie vielleicht Kolumnen schreiben sollte. Aber ‘würden ihre Sätze dann wieder so fließen und fliegen und funkeln wie damals?’ (231). Die große Ratlosigkeit.

In angenehm kurzen Abschnitten innerhalb langer Kapitel, alle aus Koras Perspektive erzählt, erfahren wir nach und nach vieles über sie, ihr über 20-jähriges Eheleben und ihre Vergangenheit, die sie anscheinend noch nicht ganz verarbeitet hat: den frühen Tod der Mutter, eine traumatische Trennung von einem früheren Partner. Sie liebt Anselm, weiß aber dennoch nicht, wie es mit ihrer Ehe weitergehen soll. Noch einmal taucht sie in ihre Berliner Vergangenheit ein, trifft Freunde von früher, besucht Orte, an die sie Erinnerungen hat.

Dann ist da noch ihr Wanderfreund Felix Mochinger, der sie wegen ihrer Kontakte um Hilfe bittet, denn seine Frau Leonie ist spurlos verschwunden. Verbrechen, Unfall, Flucht? Da fragt sich Kora natürlich, ob es auch für sie eine Option wäre, alles zurückzulassen und neu zu beginnen.

‘Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Wer ich sein möchte und sein kann. Wie leben.’ (70)

Ein erzählerischer Kniff hat mir besonders gefallen: die an vielen Stellen eingefügten Listen von jeweils 5 Punkten wie z.B. Dinge, die sie an Anselm mag, geheime Sehnsüchte u.v.m. Daraus erfährt man einiges über die beiden, aber auch über Koras Ansichten und Einsichten, über das Leben, die Liebe, das Altern.

Es wird auch thematisiert, dass - wenn man sich die eigenen Freiheiten nimmt - andere Menschen eventuell verletzt werden und genau das geschieht: zwischen Kora und ihrem Mann tritt eine leichte Entfremdung ein, die dazu führt, dass Anselm sich schließlich allein auf eine Reise begibt, um Klarheit zu gewinnen.

Es ist die spannende Frage für die Leser, wie und ob Kora es schafft, ihr Leben zu ordnen und ob die beiden wieder zueinander finden werden.

Fazit
Dieses Buch hat mir ausnehmend gut gefallen, denn es geht um allgemein menschliche Themen des Lebens: Wie geht man mit Lebensveränderungen um? Wie schließt man mit der Vergangenheit ab? Soll man neue Wege gehen oder das Bestehende schätzen und genießen? Wie ist es mit Erinnerungen und der eigenen Identität, wie geht man mit dem Altern um? Das sind Fragen, die alle angehen und die in diesem lebensklugen Buch gedanklich angestoßen werden.