Nicht schnell gelesen – aber lange nachgedacht

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michellemika Avatar

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Was passiert, wenn plötzlich nichts mehr so selbstverständlich ist wie vorher? In "Die Liebe, später" geht es um Kora, die seit über zwanzig Jahren mit ihrem Mann Anselm verheiratet ist. Von außen wirkt ihr Leben ziemlich gefestigt: eine lange Ehe, feste Routinen und viele gemeinsame Erinnerungen. Doch nach einer Herzoperation kommt Kora nicht mehr richtig in ihren Alltag zurück – und langsam merkt man, dass sich beide in ihrer Beziehung ein bisschen festgefahren haben.
Die Grundidee des Romans hat mir sehr gut gefallen: Wie verändert sich Liebe, wenn sich das eigene Leben verschiebt? Besonders stark sind die ruhigen Momente, in denen wir Koras Gedanken begleiten. Das Buch stellt immer wieder Fragen, die einen selbst ins Grübeln bringen. Mehr als einmal habe ich es kurz zur Seite gelegt, weil ich noch über das Gelesene nachdenken wollte.
Der Schreibstil ist angenehm und leicht zu lesen. Sehr mochte ich die Kapitel, in denen zwischendurch Listen mit „fünf Dingen“ auftauchen – kleine Einschübe, die den Text auflockern und ihm etwas Eigenes geben.
Ein Kritikpunkt für mich waren die vielen Nebenhandlungen. Neben Koras persönlicher Entwicklung kommt zum Beispiel noch ein kriminalistisch angehauchter Rechercheauftrag dazu. Diese Abschnitte haben mich manchmal aus dem Lesefluss gebracht, weil sie sich anders angefühlt haben als die ruhigen, nachdenklichen Passagen.
Obwohl das Buch etwas über 300 Seiten hat, liest es sich nicht schnell weg. Man braucht ein bisschen Zeit und Ruhe dafür – vor allem, wenn man sich wirklich auf die Gedanken der Figuren einlassen möchte. Wer aber genau solche Bücher mag, die zum Innehalten anregen, wird hier wahrscheinlich viel mitnehmen.
Mein Fazit: "Die Liebe, später" ist ein ruhiger Roman über Veränderungen, eingefahrene Beziehungen und die Frage, wie man sich selbst wieder neu begegnet. Ich würde das Buch allen empfehlen, die gerne nachdenkliche Geschichten lesen – auch wenn die vielen Nebenstränge den Lesefluss zwischendurch etwas bremsen können.