Persönliche Entwicklung und Neuausrichtung einer Ehe – intensiv und authentisch

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sternzauber Avatar

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Der Titel fühlt sich für mich etwas sperrig an, aber ich mag das Cover von „Die Liebe, später“ mit dem abgewandten Frauengesicht und den harmonischen Farben. Dieses Bild alleine enthält schon eine Geschichte und das gefällt mir sehr.

Gisa Klönne erzählt in diesem Buch die Geschichte von Kora und Anselm. Die beiden sind glücklich verheiratet und führen ein perfekt austariertes Leben zwischen Nähe und Distanz. Doch dann muss sich Kora einer schweren Herz-OP unterziehen und ihr ganzes Leben gerät aus den Fugen. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist und was sie (noch) kann. Ihr Alltag, ihr Beruf und auch ihre Ehe stehen auf dem Prüfstand und während Anselm die Rente einreicht, Zeit mit Kora verbringen und sich den Traum eines Libellenteiches erfüllen will, flüchtet sie und beschäftigt sich mit Menschen, Erlebnissen und Gefühlen aus der Zeit als junge Frau…. Ob die Beiden sich selber und wieder zueinander finden werden?

Ich kannte bisher kein Buch der Autorin und wusste daher gar nicht, was mich bei dieser Lektüre erwartet. Somit wurde ich sehr positiv davon überrascht, dass Gisa Klönne in sehr angenehm flüssigen Stil schreibt, umgehauen hat mich jedoch die Intensität ihres Textes: Ich konnte in der Lektüre ganz in Koras Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen, mit ihr fühlen, mit ihr zweifeln, hadern und neue Hoffnung schöpfen – denn die Geschichte wird aus ihrer Sicht erzählt. Ich war so nah an ihr dran und Gisa Klönne ist es gelungen sie so authentisch zu zeichnen, dass ich nie irritiert war – all ihre Handlungen, Gefühle, Gedanken und Zerrissenheiten, waren, wenn auch natürlich nicht immer logisch, für mich absolut nachvollziehbar und stimmig. Ich durfte mit Kora durch ihr Leben reisen, konnte durch Erfahrungen in früheren Jahren immer besser verstehen, warum sie sich nun fühlt, wie sie es eben tut und sie immer besser kennen lernen.

Aber neben den individuellen Belangen Koras, spielt auch die Ehe mit Anselm eine wesentliche Rolle im Buch. Es wird wunderbar deutlich, wie sehr sich die Gefühle und Bedürfnisse des einzelnen Menschen auf die Beziehungsqualität auswirken und wie sehr Veränderungen ein erfolgreiches und harmonisches Gefüge (zer-)stören können. Ich kenne bisher kein anderes Buch, das die fragile Beständigkeit einer Ehe so feinfühlig, so intensiv und so gekonnt einfängt und das Höhen und Tiefen so sensibel ausleuchtet.

Die ProtagonistInnen dieser Geschichte befinden sich in einem ganz anderen Lebensabschnitt als ich, beschäftigen sich mit ganz anderen Herausforderungen und stehen an anderen Wendepunkten – und doch hat mich die Geschichte erreicht, stark berührt und in ihren Bann gezogen, ich konnte mich mit Kora identifizieren. Besonders toll finde ich auch kleine Einschübe im Fluss der Geschichte, die immer wieder 5 Dinge aufzählen, die Kora und ihre Ehe noch näher beschreiben. Für mich ist dies ein tolles Element, das der Intensität noch mehr Tiefe verleiht und ich mochte es auch sehr, dass die Geschichte immer wieder aus verschiedenen Zeiten berichtet. So erfahren wir LeserInnen Geschehnisse aus dem Jetzt, genau so, wie aus der Zeit der OP und Rehabilitation oder aus früheren Jahren.

„Die Liebe, später“ ist für mich ein sehr lebendiges, intensives und authentisches Portrait einer Ehe, aber auch und vor allem einer sehr persönlichen Entwicklung. Es geht um Veränderungen, Neuanfänge, den Sinn des Lebens, eigene Bedürfnisse, Gefühle, die Aufarbeitung der Vergangenheit und Verluste, aber auch um Hoffnung, zweite Chancen und neue Möglichkeiten und um die Liebe in all ihren Facetten. Gisa Klönne ist ein sehr dichter und außergewöhnlicher Roman gelungen, der mich zum Nachdenken anregte und den ich von Herzen weiter empfehlen möchte – viel Freude beim Eintauchen!