Portrait einer Ehe im Wandel
Eine lebensbedrohende Herzerkrankung verändert von einem Tag auf den anderen das Leben der sechzigjährigen Kora. Nach OP und Reha steht sie vor der Frage, wie es weitergehen soll mit ihr. Soll sie auf den Ratschlag der Ärzte hören und ihren Job aufgeben? Das wünscht sich jedenfalls ihr Ehemann Anselm, der nun selbst in den Vorruhestand getreten ist. Er freut sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Frau, hat schon ganz konkrete Pläne. Endlich kann er sich nämlich den lang gehegten Traum von einem Naturteich im eigenen Garten erfüllen. Doch Kora sieht sich nicht abends am Steg sitzen. Sie ist noch lange nicht bereit für den Ruhestand, dafür bedeutet ihr der Beruf zu viel: erst Hauptstadtjournalistin, dann Moderatorin einer erfolgreichen Radiosendung. Und nun will man sie aufs Altenteil abschieben. Alles in ihr sträubt sich dagegen.
Auch die plötzlich ständige Nähe zu Anselm ist ungewohnt. Seit zwanzig Jahren führen die beiden eine glückliche Wochenendehe, Anselm in Berlin im Verkehrsministerium, sie in Köln beim Radio. Die gemeinsame Zeit war knapp bemessen, dafür aber schön.
Wie wird es nun sein, wenn sie täglich aufeinander hocken?
Kora braucht Abstand, um Antworten auf diese Fragen zu finden.
Sie flüchtet geradezu aus dem gemeinsamen Haus und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Dazu trifft sie Menschen von früher und besucht Orte ihrer Kindheit und Jugend.
Dabei erfährt der Lesende viel aus Koras Leben; Erlebnisse und Erfahrungen, die sie geprägt haben und die noch immer in ihr arbeiten. So wie der frühe Tod ihrer Mutter, aber auch eine traumatisch endende Liebesbeziehung.
Zugleich braucht ein Wanderkollege die Hilfe Koras. Seine junge Frau ist spurlos verschwunden. Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder war es ein Unfall? Oder ist sie etwa aus einem Leben geflüchtet, das nicht mehr zu ihr passt?
Gerade diese Frage beschäftigt Kora sehr, sind es doch Überlegungen, die sie teilt. Aber kann man einfach ein altes Leben hinter sich lassen? Und was macht das mit den Zurückgelassenen? „Das verlassene Leben lässt sich nicht auslöschen, es bliebe auch in der Ferne auf immer Bezugspunkt.“
Der Roman stellt viele Fragen. Fragen, die viele Lesende beschäftigen mögen und auf die jeder selbst eine Antwort finden muss.
Die Autorin findet für ihr Paar eine realistische Lösung. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach, auch das zeigt Gisa Klönne.
Völlig frei von Kitsch und Sentimentalitäten beschreibt die Autorin den Selbstfindungsprozess einer älteren Frau und was das mit ihrer Ehe und mit ihrem Mann macht. Geschildert wird das aus Koras Perspektive, so dass man als Lesender sehr nah in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt ist, ihre Zweifel und Zerrissenheit nachfühlt.
Originell sind dabei die immer wieder eingeschobenen Listen von jeweils fünf Dingen oder Kennzeichen, wie z.B. „Fünf Nachteile einer langjährigen Liebe“ oder „Fünf Dinge, die Kora gerne früher gewusst hätte“. Auch das verrät einiges über die Figuren.
Sehr gut gelingen der Autorin die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen. Neben der Gegenwart und den Ausflügen in die Vergangenheit gibt es einzelne Kapitel, die einfühlsam und nachvollziehbar Koras Krankenhaus - und Reha-Zeit beschreiben.
„Die Liebe, später“ ist ein spannend zu lesendes und authentisch wirkendes Porträt einer Ehe, die sich im Wandel befindet. Dabei verhandelt der Roman existenzielle Fragen und Probleme, die jeder aus eigener Erfahrung kennt. Wie geht man mit Veränderungen um? Wie viel Mut braucht es für Neuanfänge? Wie gelingt die Balance zwischen Nähe und Distanz?
Durch die flüssig zu lesende und realistische Darstellung und die vielen nachdenkenswerten Themen eignet sich der Roman sehr gut für Diskussionen in einem Lesekreis. Gleichermaßen lebensklug wie unterhaltsam.