Zeit ist keine unendliche Ressource

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
sylviagabelmann Avatar

Von

Als ich „Die Liebe, später“ gelesen habe, hatte ich oft das Gefühl, dass mir jemand leise gegenübersitzt und Dinge ausspricht, die ich selbst jahrelang nur gedacht, aber kaum je formuliert habe. Ich bin etwa im gleichen Alter wie die Protagonistin, und auch ich habe eine lebensbedrohliche Krankheit überstanden – oder vielleicht treffender: Ich lebe mit ihren Nachwirkungen. Dieses Buch hat mich deshalb nicht nur berührt, sondern stellenweise regelrecht erkannt.
Was mich von den ersten Seiten an abgeholt hat, ist der Ton: ruhig, unaufgeregt, fast tastend. Genau so fühlt sich das Leben nach einer existenziellen Diagnose an. Nichts ist mehr selbstverständlich, und doch geht alles weiter. Die Protagonistin schaut auf ihr Leben mit einer Mischung aus Müdigkeit, Klarheit und vorsichtiger Neugier – ein Blick, den ich aus dem Spiegel kenne. Nach der Krankheit ist man nicht mehr dieselbe Frau wie vorher, aber auch nicht „neu“. Man ist etwas Dazwischengebliebenes.
Besonders stark fand ich, wie das Buch mit dem Thema Liebe umgeht. Nicht als großes Versprechen, nicht als Rettung, sondern als Möglichkeit. Liebe „später“ heißt hier nicht verspätet oder zweitklassig, sondern bewusster, verletzlicher und ehrlicher. Wer dem Tod einmal sehr nahe war, liebt anders. Weniger naiv, weniger verschwenderisch – und gleichzeitig tiefer. Diese leise Angst, dass das eigene Zeitfenster kleiner sein könnte als das der anderen, schwingt in jeder Begegnung mit. Das Buch beschönigt das nicht, aber es macht daraus auch kein Drama. Genau das hat mich überzeugt.
Sehr nah ging mir auch der Umgang mit dem Körper. Die Veränderungen, die Müdigkeit, das Misstrauen gegenüber der eigenen Belastbarkeit – all das wird nicht erklärt, sondern einfach gezeigt. Als Leserin mit ähnlicher Geschichte fühlte ich mich darin ernst genommen. Die Krankheit ist nicht nur ein Kapitel der Vergangenheit, sie sitzt mit am Tisch, auch wenn niemand über sie spricht. Diese Wahrheit trifft das Buch schmerzhaft genau.
Was ich besonders schätze: „Die Liebe, später“ ist kein Trostbuch im klassischen Sinne. Es sagt nicht: Alles wird gut. Es sagt eher: So ist es jetzt – und vielleicht reicht das. Für mich liegt darin eine große Würde. Das Leben nach einer lebensbedrohlichen Krankheit ist oft kleiner, leiser, begrenzter. Aber es kann auch klarer sein. Dieses Buch versteht das.
Am Ende blieb bei mir kein überwältigendes Gefühl, sondern etwas Beständigeres: ein stilles Einverständnis mit der eigenen Geschichte. Für Frauen, die – so wie ich – gelernt haben, Zeit nicht mehr als unendliche Ressource zu betrachten, ist dieses Buch kein Eskapismus, sondern eine behutsame Begleitung. Und manchmal ist genau das die größte Form von Literatur.