Die dunklen Seiten von Ehrgeiz und Verlangen

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noiram Avatar

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​Die Leseprobe zu „Die Liebeshungrigen“ wirft einen schonungslosen und fast schon zynischen Blick hinter die Kulissen der französischen Elite. Im Zentrum steht Lehman, ein Mann, dessen Leben von Status, Beststellerlisten und Beruhigungsmitteln wie Xanax bestimmt wird. Karine Tuil gelingt es hervorragend, die innere Leere und die Getriebenheit eines Menschen darzustellen, der zwar an den Hebeln der Macht saß, privat aber vor Trümmern steht.
​Besonders stark fand ich die Beschreibung des Abschieds aus dem Amt. Die Atmosphäre in der Verwaltung – mit schamponierten Teppichen und gepackten Kisten – verdeutlicht die Vergänglichkeit politischer Karrieren. Lehman wirkt wie ein Schatten seiner selbst, unfähig, seine Wut über den Machtverlust zu kontrollieren. Das Bild der „zittrigen Hand“, die durch das Autofenster ins Leere winkt, ist ein sehr kraftvolles Symbol für seine schwindende Bedeutung.
​Der Schreibstil ist scharf, analytisch und tempo-reich. Die Zitate von Barack Obama und Marguerite Duras am Anfang setzen den Rahmen für eine Geschichte, die sich irgendwo zwischen politischem Kalkül und tiefem menschlichem Verlangen bewegt. Es geht um das „Kapital“ – nicht nur finanziell, sondern auch emotional – und darum, wie schnell man in diesen Kreisen „angeschissen“ wird.
​Diese Leseprobe ist ein vielversprechender Auftakt für einen Gesellschaftsroman, der die dunklen Seiten von Ehrgeiz und Verlangen beleuchtet.