Ein Buch wie ein Rausch: Frankreich zwischen Skandalen, Geheimnissen und prestigeträchtiger Selbstdarstellung

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Ein Buch wie ein Rausch: Frankreich zwischen Skandalen, Geheimnissen und prestigeträchtiger Selbstdarstellung

Frankreichs Ex-Präsident Lehmann steckt nach seinem Regierungs-Aus in einer Identitätskrise und versucht, seine wachsende Bedeutungslosigkeit zu kompensieren. Seine aktuelle Frau, die Schauspielerin Hilda, fühlt sich verraten, da sie ihre Schauspielkarriere für Lehmann aufgegeben hat. Und auch Lehmanns Ex-Frau Marianne spürt ihre Irrelevanz, nachdem sie einfach durch eine jüngere Frau ersetzt wurde. Als Hilda schließlich einen Film dreht, dessen Vorlage ausgerechnet Marianne geschrieben hat, rücken die Gefühlswelten der drei Figuren und ihres gesamten Umfelds ziemlich eng zusammen.

„Die Liebeshungrigen“ ist eine Erzählung über Ruhm, Neid, Missgunst… Affären, Sex und toxische Männlichkeit… über Macht, Respekt, aber auch Machtmissbrauch… Alkohol, Drogen und Abstürze. All diese Themen hängen in dem Roman so dicht zusammen wie die Beziehungen der Charaktere selbst. Als lesende Person fühlt man sich durch die eingesetzten Stilmittel sowie die besondere Erzähl- und Schreibweise unglaublich nah an der Geschichte - fast so, als wäre man selbst mitten im Rausch der Ereignisse.

Die Erzählweise schwankt zwischen neutraler Perspektive und Ich-Form. Schwanken ist dabei ein passendes Stichwort, denn wortwörtlich schwankt auch der Text selbst in den Darstellungen des Alkoholrausches: durch kursive, schräge und beinahe taumelnde Schreibweisen. Diese Passagen zu lesen, verdreht einem fast selbst den Kopf. Alkohol ist ein sehr präsentes Thema des Buches und scheint zur High Society genauso dazuzugehören wie die fehlende Privatsphäre der Protagonisten. Alle wirken gefangen in einem einzigen „Geklüngel“.

Hat man einmal in die Handlung hineingefunden, überschlagen sich die Ereignisse beinahe. Das Buch stellt die Macht von Männern den Maßstäben gegenüber, an die Macht bei Frauen oft noch geknüpft wird: jung sein, schön sein, sich selbst inszenieren - und dabei doch immer wieder auf die Wahrnehmung durch Männer reduziert werden. Gleichzeitig zeigt der Roman eindrücklich, wie Macht den Charakter verändert.

„Die Liebeshungrigen“ fängt die Dynamiken von „MeToo“ auf eindringliche Weise ein. Besonders zum Schluss hatte ich regelrecht Gänsehaut. Das Buch zeichnet die Abgründe eines Lebens in der Öffentlichkeit intensiv und beklemmend nach - und wenn man die letzte Seite beendet hat, kann man fast einmal tief durchatmen. Denn manchmal kann selbst Bedeutungslosigkeit etwas sehr Bedeutungsvolles sein.