Ein überzeugender Gesellschafstroman

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Mit „Die Liebeshungrigen“ legt Karine Tuil einen vielschichtigen Gesellschaftsroman vor, der persönliche Krisen, Machtstrukturen und emotionale Abhängigkeiten eindrucksvoll miteinander verknüpft.

Der am 15. Mai 2026 im dtv Verlag erscheinende Roman (400 Seiten) beginnt mit Dan Lehmann, einem ehemaligen französischen Staatspräsidenten, der nach seiner Abwahl vor den Trümmern seines bisherigen Lebens steht. Besonders eindrucksvoll schildert Tuil, wie tiefgreifend ein solcher Machtverlust nicht nur die betroffene Person selbst verändert, sondern auch das soziale Umfeld erschüttert: die Ehefrau, die Ex-Frau, die erwachsenen Kinder und selbst die jüngere Tochter geraten in einen neuen, fragilen Zustand zwischen Nähe, Entfremdung und Orientierungslosigkeit.

Gerade dieser erste Teil des Romans entwickelt einen großen Sog. Tuil beobachtet präzise, wie Macht Identität formt – und was geschieht, wenn sie plötzlich verschwindet.

Im weiteren Verlauf verschiebt sich der Fokus zunehmend auf andere Figuren, insbesondere auf Lehmanns Ehefrau und eine Schauspielerin, die mit einem Film in Cannes auf Erfolg hofft. Dabei öffnet sich der Roman thematisch immer stärker hin zu Fragen von Zerstörung, Alkohol, Machtmissbrauch, öffentlicher Inszenierung und persönlichem Scheitern. Manche Perspektivwechsel wirken dabei etwas ausufernd, sodass der Roman von einer stärkeren Straffung profitiert hätte. Gleichzeitig liegt genau in dieser Vielstimmigkeit auch seine literarische Kraft: Tuil zeichnet keine einfachen Täter-Opfer-Konstellationen, sondern komplexe Menschen in moralischen und emotionalen Grauzonen.

„Die Liebeshungrigen“ ist ein kluger, intensiver Roman über Sehnsucht, Abhängigkeit und die Fragilität gesellschaftlicher Rollenbilder – unbequem, gegenwärtig und psychologisch scharf beobachtet.

Das Cover sagt mir zu; es zeigt Teile von zwei Gesichtern in Großaufnahmen, die verschiedene Szenen des Buches spielen könnten.