Feminismus und toxische Männlichkeit

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Männer werden nicht älter, sie werden besser.
Kennt ihr dieses Sprichwort? Ich frage mich, gibt es dazu ein Äquivalent für Frauen?
Wie komme ich darauf? Über einen Umweg über Die Liebeshungrigen von Karin Tuil.
Ein Buch wie eine Gewalt über Gewalt. An Frauen.
Das Buch ist nicht nur feministisch, Karin Tuil beschreibt auch den Feminismus, die Entwicklung dahin, die unterschiedlichen Wege, die Frauen gehen, um zu erstarken. Und nicht nur Frauen, sondern auch intelligente, wache Männer, große Teile der Gesellschaft. Das stach für mich in besonderem Maße hervor, denn es gibt in diesem Roman nicht nur unterdrückende und gewalttätige Männer, sondern auch unterstützende. Tuil klagt an, schonungslos und offensiv, aber gerechtfertigt, tiefgründig und nicht plakativ.
„Die Liebeshungrigen“ hungern nach unterschiedlichen Formen der Verehrung und Liebe. Der ehemalige französische Präsident Lehman hungert nach Aufmerksamkeit und erneutem Erfolg und verfällt deshalb dem Alkohol. Er braucht aber auch seine Familie, allen voran seine kleine taubstumme Tochter Anna aus zweiter Ehe und seine Exfrau Marianne. Diese aber strebt nur nach Freiheit, ihre Sicht der Dinge wird aus der Ich-Perspektive geschildert, sodass sie mir als Leserin besonders nah war. Ihre Tochter Léo ist Aktivistin für Frauenrechte und inspiriert damit auch ihre Mutter.
Ein zweiter Dunstkreis bildet sich um den Regisseur Nazin, der öffentlich Frauenrechte propagiert, für sich selbst aber das Gegenteil umsetzt und Lehmans Frau, die Schauspielerin Hilda Müller, und Mélanié Vogues in Bedrängnis bringt.
Ich weiß, das mag alles ziemlich verworren klingen, die Affären all dieser Charaktere untereinander mag ich gar nicht aufdröseln, sonst blickt hier keiner mehr durch.Letztendlich hat der Roman aber einen ganz klaren Faden mit einem zunehmenden Tempo zum Ende hin und einem fulminanten Schluss.
Alles dreht sich um Mariannes Roman, der von Nazin verfilmt wird, Hilda in der Hauptrolle, Melanie als ihr Bodydouble. Und genau das zeigt einen weiteren gesellschaftskritischen Punkt Frauen gegenüber. Werden sie älter, sind sie in der Filmbranche weniger gefragt. Aber nicht nur dort versuchen viele, ihre Jugend und Attraktivität aus ganz unterschiedlichen Gründen zu erhalten. Diesen Druck empfinde ich bei Männern als weniger präsent. Ihnen schreibt der Volksmund ja ganz offen zu, dass sie nicht älter, sondern besser werden. Gibt es denn solche Sprichwörter auch für Frauen?
Ich bin 42, genauso alt wie Hilda, und auch ich kann mich nicht davon ausnehmen, von einigen ihrer Gedankengänge bezüglich ihres Alters bereits geplagt worden zu sein.
Gleichberechtigung, Gewalt gegen Frauen, Feminismus… all das existiert (bislang) weiter, wenn diese Themen viel mehr in den Fokus der Gesellschaft gerückt sind und ein langsames Umdenken stattfindet. Es ist ungerecht, aber ändern können es nur wir. Zusammen. Stetig. Jede Generation auf ihre Weise und ohne auch nur dem kleinsten Rückschritt eine Chance zu geben.