Hungrig nach Macht

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Ich hatte mich wirklich auf dieses Buch gefreut. Ich habe bereits Bücher der Autorin gelesen, die mir sehr gut gefallen haben. Auch hier sprechen mich die Kurzbeschreibung und auch der Schreibstil sehr an. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich mit den Figuren nicht anfreunden kann. Ich kann zu keiner Figur irgendeine Art von Nähe aufbauen, die meisten Charaktere sind mir schlicht unsympathisch, einige stoßen mich im Handlungsverlauf regelrecht ab. Dabei würde ich dies gar nicht am Geschlecht festmachen, die Frauenfiguren, die mir anfangs noch etwas zugänglicher erschienen, können mich auch nicht erwähnenswert fesseln. Ihr Schicksal und ihre Entwicklung haben mich anfangs noch interessiert, sind mir aber ab ungefähr der Mitte des Buches tatsächlich egal. Jeder scheint nur an sich zu denken, kreist nur um sich selbst. Die Beziehung, das Gegenüber wird vor allem gebraucht, um sich selbst zu bestätigen und in den Mittelpunkt zu stellen. Laut Titel sind sie liebeshungrig, mir scheint es, als wären sie lediglich hungrig nach Anerkennung und Macht. Ich habe das Buch trotzdem zu Ende gelesen, da ich die Problematik grundsätzlich interessant finde. Ich hätte mir aber zumindest ein oder zwei Figuren gewünscht, mit denen ich hätte mitfühlen und mitleiden können. Einzig Marianne, als starke, aber im Inneren tief verletzte Ex-Ehefrau kann hier einige positive Akzente setzen. Was ich für mich ebenfalls nicht erschließt, sind die Passagen die Lehman in sein Diktiergerät spricht. Sie sollen tiefere Einblicke in seinen Seelenleben, seltene Momente der Wahrheit darstellen, wirken für mich aber oft viel losgelöst zum eigentlichen Handlungsverlauf. Seine Äußerungen drehen sich auch immer nur im Kreis. Es geht um Machtverlust, die Sinnlosigkeit des Lebens nach der Politikkarriere und um die Sehnsucht nach Alkohol. Das ist tatsächlich ein großes Problem, für mich dreht sich dieser Punkt aber immer nur im Kreis. Ich denke, das Buch wirft einen tiefen und wahrhaftigen Blick auf die Gesellschaft und die sozialen Schichten in Frankreich und sicher auch in anderen Wohlstandsländern. Es kommt für mich aber zu keinem Ergebnis und wabert so vor sich hin. Es werden für meinen Geschmack auch zu viele Themen vermischt: Alkoholsucht, Machtmissbrauch, Me-Too im Filmgeschäft und letztlich sogar noch Frauen in den Wechseljahren, ein Thema, dem man sich aktuell sowieso kaum entziehen kann. Frauen über 50 werden nicht besetzt, nicht gesehen, nicht geschätzt. Mir persönlich ist es zu viel. Es ist sehr schade, da ich große Erwartungen an das Buch hatte, aber dieses Mal hat es für mich einfach nicht gepasst.