Macht, Begehren und männlicher Abstieg

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
romy_abroad Avatar

Von

Zu Beginn von "Die Liebeshungrigen" lernen wir Dan Lehman kennen: Er ist der ehemalige Präsident Frankreichs und vom plötzlichen Machtentzug, den das Ende seiner Amtszeit bedeutet, komplett überfordert. Jeden Morgen prüft er die Verkaufszahlen seines Buches und tröstet sich dann mit Alkohol über die schlechten Neuigkeiten des nachlassenden Absatzes hinweg. Theoretisch könnte Dan sich glücklich schätzen, denn er ist vor Kurzem noch einmal Vater einer lebhaften und aufgeweckten Tochter geworden, nachdem er sich von seiner ersten Frau getrennt hat und eine deutlich jüngere Schauspielerin geheiratet hat. Doch seine Gegenwart ist geprägt von Zweifeln und Melancholie, vom Durst und von der Paranoia, dass seine Alkoholsucht seinen Mitmenschen nicht verborgen bleiben könnte. Besonders als seine zweite Frau Hilda die Hauptrolle in einem Film über häusliche Gewalt gegen Frauen bekommt, dessen Drehbuch ausgerechnet Dans erste Frau Marianne geschrieben hat, fühlt Dan sich in die zweite Reihe verdrängt. Doch die Dreharbeiten verlaufen anders als geplant, und schließlich kommt es zu einem Eklat, durch den ungeahnte Missstände aufgedeckt werden – und der gesellschaftliche Untergang, den Dan stets gefürchtet hat, ist plötzlich allgegenwärtig.
Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem sich meine Bewertung der einzelnen Abschnitte so sehr unterschieden hat: Das erste Drittel von Karine Tuils "Die Liebeshungrigen" war wirklich eine Zumutung. Dans triste Gedankenwelt und sein ständiges Kreisen um sich selbst werden in aller Ausführlichkeit beschrieben und ich konnte nicht anders als mir als Leserin die Frage zu stellen: Was interessieren mich die selbst herbeigeführten Probleme dieses Mannes überhaupt? Wir erfahren, dass es starke Frauen in seinem Leben gibt, nämlich seine erste Frau Marianne, seine zweite Frau Hilda und seine bereits erwachsene Tochter, doch diese bleiben leider zunächst Randfiguren.
Im zweiten Drittel verändert sich der Fokus des Buches und Dan ist nicht mehr länger der einzige Mann, über den wir uns aufregen müssen – nein, nun tritt Romain Nizan auf die Bühne. Ebenso egozentrisch und machtbesessen wie Dan, allerdings glaubt Romain, dass seine Blütezeit noch vor ihm liegt. Genau wie Dan unterhält Romain problematische Beziehungen zu Frauen, und ich konnte immer wieder nur den Kopf darüber schütteln, welche Demütigungen die Frauen in seinem Umfeld über sich ergehen lassen.
Im letzten Drittel nimmt die Geschichte schließlich Fahrt auf. Man hat inzwischen zwar fast den Überblick darüber verloren, wer alles mit wem schläft und wen jetzt mit wem betrügt, aber immerhin passiert mal etwas, das über Alkoholkonsum und Selbstmitleid hinaus geht. Wäre der gesamte Roman so gestaltet wie das letzte Drittel, würde ich ihn liebend gerne weiterempfehlen, doch leider ist dem nicht so. "Die Liebeshungrigen" finden ihren Höhepunkt und endlich sind es einmal die Leserinnen, die befriedigt zurückbleiben und nicht nur die Männer der Erzählung. Alles in allem ein wunderbarer Roman für alle, die sich gerne über das Patriarchat aufregen, aber nicht für jene, die auf so etwas wie eine Liebesgeschichte aus sind. "Die Liebeshungrigen" ist schwer in Worte zu fassen, aber es hat mich so wütend und frustriert zurückgelassen wie schon lange kein anderes Buch. Also eine Empfehlung für alle, die aus Wut Kraft schöpfen können, und nicht müde werden, sich gegen Ungerechtigkeiten aller Art zu stellen.