Mitleidenschaft

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
galaxaura Avatar

Von

„Die Liebeshungrigen“, ein Roman von Karine Tuil, erschienen 2026 bei dtv, hat mich positiv überrascht als eine sehr lesenswerte Zeitanalyse, die hinter die Fassaden schaut und insbesondere auch formal sehr gut konstruiert ist.

Auf der Handlungseebene tauchen wir ein in die Welt der Spitzenpolitik und der Filmkunst – die Verbindung zwischen diesen beiden Kosmen wird zunächst durch Menschen, die sich begegnen, hergestellt, schnell offenbart sich aber eine tiefergehende strukturelle Ähnlichkeit. Der ehemalige Präsident Frankreichs, Dan Lehman, verkraftet seinen Abgang nicht und driftet immer mehr in die Alkoholsucht ab. Seine Gattin, die Schauspielerin Hilda Müller, versucht, nun da sie nicht mehr auf die Position ihres Mannes Rücksicht nehmen muss, wieder im Film Fuß zu fassen. Absurderweise gelingt ihr dieses genau durch die Verfilmung eines Buches von Lehmans vorheriger Frau, Marianne, durch einen Regisseur aus der dritten Reihe, Romain Nizan, der sich ebenfalls mit diesem Film endlich den Durchbruch erhofft. Am Ende treffen alle in Cannes beim Kampf um die Goldene Palme aufeinander – wessen Träume werden erfüllt werden?

Was klingt wie der Plot einer Telenovela, zeigt sich zum Glück in Tuils Buch von einer ganz anderen Seite. Klares Vorbild der Hauptfiguren sind Nicolas Sarkozy und Carla Bruni. Das ist sehr sichtbar, beinhaltet aber auch viele Abweichungen, denn Tuil geht es eher um etwas Strukturelles in Bezug auf Macht und Schein, als um konkrete Personen und Biographien. Wir lesen im Verlauf des Buches mehrere Formen, personaler Erzähler und Audioprotokolle, erfundene Fußnoten, kursive Passagen, die direkt in Lehmans Gedankenstrom einzutauchen scheinen und tiefe Einblicke in seine Sucht geben, sowie die „M“-Kapitel, die Marianne gehören. Je weiter das Buch voranschreitet, desto mehr wird aus dem personalen Erzähler ein allwissender, was den Roman um noch mehr Perspektiven ergänzt.

Die Gedankenwelt von Lehman ist morbid, aber humorvoll, maximal abgefuckt und latent suizidal – eine wilde Mischung, die sich sehr gut liest und eine ambivalente Faszination hervorruft. Es braucht ein bisschen, bis frau sich sicher sein kann, dass Tuil klar feministisch schreibt, zu unkommentiert kommt der patriarchal-sexistische Gedankenslang von Lehman zunächst einher. Doch je tiefer wir in die Handlung einsteigen, desto deutlicher seziert Tuils Skalpell die Gesellschaft klar feministisch und arbeitet die durchgehende Objektifizierung der Frau bis hin zum Brutkasten präzise heraus. Die Figuren sind nicht sympathisch – und das ist gut so, dafür sind sie sehr real, teilweise kaum auszuhalten. Auch die Alkoholsucht in all ihren Stadien und die einhergehenden Co-Abhängigkeiten beschreibt Tuil kenntnisreich.
Die Rückkehr in eine „Normales Leben“ nach so viel Macht und Ruhm finde ich ein spannendes Thema. Wie hat Merkel das eigentlich so gut geschafft? Nach so langer Zeit an der Staatsspitze? Wie konnte sie so gut loslassen? Tuil arbeitet die Komplexität menschlicher Beziehungen in vielen Aspekten heraus und zeigt, wie schwierig es ist zu gehen, wie sehr einem manchmal Herz oder Ambitionen oder Vernunft im Weg stehen können – das gilt für alle Beziehungen im Buch, meint gar nicht nur Liebesbeziehungen. Dabei schreibt die Autorin so gut, dass ich immer wieder die Fiktion vergesse und mich als Mensch furchtbar aufrege, weil wir alle solche Narzissten kennen, alle Menschen kennen, die nicht herausfinden, alle Menschen kennen, die sich in red flags verlieben usw. Lehman als Narzisst, der nur um sich selbst dreht, ist wirklich gut getroffen in allen Details.
Die metoo Debatte ist sehr gut in den Roman eingebettet, generell auch viele Informationen über die Filmwelt, hier ist Tuil on point in den aktuellen Debatten.
Große Fragen im Roman, warum machen Frauen diese dauerhafte Erniedrigung durch Männer mit? Das extrem sexistische Weltbild in den Männergedanken zeichnet Tuil mit Bravour, es ist widerwärtig und es ist: wahr. Wahr ist auch, dass Frauen sich noch viel mehr wehren müssen und dass der Hunger nach Erfolg: Bei allen Beteiligten die Menschlichkeit verhindert.

„Mitleidenschaft“ ist der Titel eines Buches von Marianne und Tuil gelingt die Kunst, das Mitleid durchaus zu verhindern, uns aber dennoch in ein Mitleiden zu bringen, das den Wunsch und die Not nach Veränderung provoziert. Sie stößt die Lesenden auf die falschen inneren Glaubenssätze von Menschen, die nach Macht und Anerkennung streben. Und sie zeigt schonungslos, wie erbärmlich es hinter den Fassaden von Glamour und Weltpolitik zugeht. Das alles eingebettet in eine sehr gute Story und eine literarisch extrem gut gelungene Konstruktion, ein mutiges, kluges Buch, das ich sehr gern gelesen habe. Dennoch musste ich auch feststellen, dass das Buch in mir keinen Nachhall erzeugt und nicht viel davon länger in mir hängengeblieben ist. Das mag daran liegen, dass die Figuren aus der Welt der Eliten, der Reichen, Schönen und Mächtigen stammen und durchschnittliche Menschen kaum vorkommen. Damit bietet Tuil nur einen sehr kleinen Ausschnitt der beiden geschilderten Branchen und fokussiert auf einen Teil der Welt, dem nur wenige angehören.