über Machtverlust und Machtmißbrauch

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Der neue Roman der französischen Schriftstellerin Karine Tuil kreist um den Ex-Präsidenten Frankreichs, im Roman Dan Lehman genannt, und seine Entourage. Seit ca. einem Jahr ist Lehman nur noch Privatier und kommt damit nicht zurecht. Er wurde nicht wieder gewählt, hat keine politische Macht mehr und verfällt dem Alkohol.

Mit seiner zwanzig Jahre jüngeren zweiten Ehefrau Hilda Müller, einer deutschen Schauspielerin, wurde er mit über 60 Jahren ein drittes Mal Vater einer Tochter. Aus der langjährigen Ehe mit seiner ersten Frau Marianne, einer Schriftstellerin, hat er bereits zwei erwachsene Kinder.

Nicht erst als seine Ehefrau, die Schauspielerin, die Hauptrolle in einem Film des Starregisseurs Romain Nizan erhält, der später für die Goldene Palme des Filmfestivals in Cannes nominiert wird, wird offensichtlich, dass die Ehe des Ex-Präsidenten mit der Schauspielrin gescheitert ist.

Der Roman ist in kurzen Kapiteln geschrieben. Die Kapitel mit der Überschrift "M" werden von der ersten Frau, Marianne in der Ich-Form erzählt. Das liest sich flüssig, spannend und vor allen Dingen unterhaltsam. Die Welt der Medien, des großen Kinos und der großen Politik, der sie vertretenden Eliten, stehen im Fokus des Romans. Insbesondere der Einfluss der Presse und der sozialen Medien auf die Menschen und ihre Karrieren wird beleuchtet.

In der Welt des großen Kinos wird auch das Thema Me Too nicht ausgespart. Hier übernimmt der Regisseur Romain Nizan den Part des Heuchlers und Frauenverachters mit schrecklichen Sexualpraktiken, dem sich die Frauen unterwerfen, um von seinem Ruf als einzigartigem Filmemacher um ihrer Karriere willen zu profitieren. Auch Leonie, die zwanzigjährige Tochter von Dan Lehman, droht den Reizen des gut aussehenden Romain zu verfallen, obwohl sie sich selbst als Feministin bezeichnet. Ihre Zerrissenheit zwischen Begierde, Lust und Ratio fand ich gut herausgearbeitet. Desgleichen die in diesem äußerlichen Kosmos von Schauspiel, Politik und Medienpräsenz vorherrschende Gier nach Anerkennung und Liebe, die allerdings von Selbstliebe gespeist wird, besonders bei den Alpha-Männern Romain Nizan und Dan Lehman, die stark in sich selbst verkurvt sind.

Was mich gstört hat war, dass der Roman zu einseitig das Leben der Eliten beleuchtet. Das Prekariat, normale Menschen, kommen fast nicht vor. Die Frauen sind durchgehedn schöne, elegante Erscheinungen, auf ihr jugendliches, schlankes Aussehen bedacht. Die Männer sind ebenfalls gut aussehend, mächtig und reich. Dan Lehman bekommt durch sein liebevolles Verhältnis zu seiner jüngsten, taubstummen Tochte Anna nebst Hund Nabucco eine weichere Note.

Einzig die über 50jährige Exfrau Lehmans hebt sich von den übrigen Figuren ab. Ihr gelingt die Abgrenzung von Äußerlichkeiten, sie emanzipiert sich. Aber auch sie ist eine schicke, gut aussehende Erscheinung und eine erfolgreiche Schriftstellerin. Der Ex-Präsident hat Züge eines Salon Linken, der sein privilegiertes Leben als gegeben hinnimmt und den Machtverlust nicht verkraftet.

Ich habe den Roman gern gelesen, ist er doch unterhaltsam, liest sich spannend und süffig. Mit einem Wein verglichen fehlt ihm m. E. jedoch das, was einen wirklich guten Rotwein ausmacht, nämlich ein durchgehend tiefes Aroma. Wirklich gut dargestellt war, um im Bild der Weine und des Alkohols zu bleiben, der Alkoholismus des EX-Präsidenten und dessen fatale Auswirkungen.

M. E. ein partiell feministischer, durchaus gesellschaftskritischer Roman, der mich, wenn auch nur stellenweise an die Glitzerwelt von Gala und Bunte erinnerte. Ich stufe ihn als unterhaltsame Populärliteratur und damit als durchaus lesenswert ein. Ich vergebe 4 Sterne.