Unterhaltsamer und schonungsloser Gesellschaftsroman
Karine Tuil ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Gegenwartsromane, in denen sie schonungslos Missstände und Ungerechtigkeiten in der französischen Gesellschaft aufzeigt. Das ist nicht anders in ihrem elften Roman „Die Liebeshungrigen“.
Im Zentrum steht Dan Lehman, bis vor einem Jahr noch Präsident von Frankreich. Einst als Hoffnungsträger für soziale Gerechtigkeit angetreten, hat er seine Wählerschaft während seiner Regierungszeit enttäuscht. Die sehen in ihm einen Verräter der Arbeiterschaft und erteilen ihm nun bei seiner erneuten Kandidatur eine Abfuhr. Diese Niederlage stürzt Lehman in eine tiefe existenzielle Krise. Es fällt ihm schwer, sich mit seinem Machtverlust abzufinden und er kämpft dagegen an, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Ein Versuch, als Schriftsteller wieder Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, scheitert allerdings grandios.
Danach versinkt er in Selbstmitleid und sucht Zuflucht im Alkohol.
Darunter leidet auch seine Ehe mit der um zwanzig Jahre jüngeren Hilda, einer deutschen Schauspielerin. Für sie hatte er vor ein paar Jahren seine Frau Marianne, eine Schriftstellerin, verlassen, mit der er drei mittlerweile erwachsene Kinder hat.
Während seiner Amtszeit galten Hilda und er als „Power-Paar“, sie die erfolgreiche Schauspielerin, er der charismatische Politiker. Doch nun, wo die schöne Fassade gefallen ist, bröckelt auch das Bild vom glücklichen Paar. Einzig die Liebe zur taub geborenen Tochter Anna verbindet sie noch miteinander.
Auch Hilda fühlt sich ins Abseits gedrängt. Als Präsidentengattin blieben die Rollenangebote aus und nun ist sie mit Anfang Vierzig zu alt für das Filmgeschäft. Doch dann bietet ihr der anerkannte Regisseur Nizon die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Pikanterweise stammt die Buchvorlage von Marianne.
Damit wechselt der Fokus vom Politikbetrieb hin zum Filmgeschäft, wobei sich viele Gemeinsamkeiten zeigen. Beide Welten leben von der Inszenierung und davon, dass die Personen ihre Rollen überzeugend rüberbringen. Eitelkeit, Konkurrenzdenken und Machtmissbrauch sind weitere Parallelen. Und Politiker wie Filmschaffende stehen im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, müssen mit den Begleiterscheinungen davon leben.
Auch die Medienlandschaft wird kritisch seziert. Der geht es nicht mehr um objektive sachliche Berichterstattung, vielmehr bedient sie den Voyerismus ihrer Gefolgschaft. Und wen sie heute noch euphorisch feiert, der wird morgen schon gnadenlos demontiert.
Das große Finale findet dann bei den Filmfestspielen in Cannes statt, wo alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.
Eine unrühmliche Rolle dabei kommt dem Regisseur Nizon zu. Mit seinem Film über eine Arbeiterin, die sich gegen männliche Gewalt zur Wehr setzt, lässt er sich als überzeugter Feminist feiern. Dabei ist er der Prototyp eines Narzissten, der aufs Übelste Frauen manipuliert und demütigt.
Hier entlarvt die Autorin die Kulturbranche, die sich gerne als Vorreiter sieht für Freiheit und Selbstbestimmung und vorgibt, besonders gesellschaftskritisch zu sein, tatsächlich aber Teil des Systems ist, das sie an den Pranger stellt.
Karine Tuil hat ihren Roman mehrstimmig angelegt, wobei Dan Lehman gerade im Anfangsteil viel Platz eingeräumt wird. Von ihm erzählt sie nicht nur in personaler Form, sondern lässt ihn auch selbst zu Wort kommen. In einem Audio-Tagebuch spricht er über Politik und Privates, erzählt von seiner Kindheit und Jugend. Dazu kommen kursiv gesetzte Textstellen, in denen wir seine Alkoholexzesse mitverfolgen dürfen.
Kapitelweise wechselt Karine Tuil die Erzählperspektive und beleuchtet so näher die wichtigsten Protagonisten.
Dass ansonsten nur Marianne eine Ich-Perspektive zugestanden wird, ist klug gewählt, ist sie doch eine der wenigen positiv gezeichneten Figuren und die Einzige, die zur Identifikation einlädt. Und mit ihr, der Schriftstellerin, zeigt die Autorin, welche Rolle sie der Literatur zumisst: Als Gegenpol zur oberflächlichen, nur auf Schein bedachten Welt ist die Literatur zuständig für Wahrheit und Moral.
Überhaupt kommen die Frauenfiguren bei Karine Tuil besser weg als die Männer, die durchgängig Narzissten oder prinzipienlose Ehrgeizlinge sind.
Mit Marianne, Hilde und Léonie, Dans Tochter aus erster Ehe, porträtiert die Autorin drei Frauengenerationen, die unterschiedliche Haltungen einnehmen.
Marianne ist zwar gekränkt, weil ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlassen hat. Trotzdem wirkt sie gefestigt und findet in ihrer Arbeit Erfüllung.
Hilda ist ehrgeizig und lässt sich ausnutzen und erniedrigen um des Erfolges willen.
Léonie dagegen steht für eine junge Generation von Frauen, die vehement für ihre Rechte einsteht. Allerdings ist auch sie nicht ohne Widersprüche. So lässt sie sich anfangs noch von Nizons Charme blenden.
Überhaupt zeichnet Karine Tuil all ihre Figuren nicht eindimensional, sondern gibt ihnen Tiefe und Ambivalenz.
Karine Tuil hat sicher keinen Schlüsselroman geschrieben, auch wenn sich Parallelen zu lebenden Personen finden lassen. Ihr ging es darum, Strukturen aufzuzeigen, die sich nicht auf Frankreich beschränken.
Im Original lautet der Titel „La guerre par d’autres moyen“ - Krieg mit anderen Mitteln“, was mir passender erscheint, denn bekämpfen tun sich hier viele.
Karine Tuil hat mit „Die Liebeshungrigen“ einen so unterhaltsamen wie schonungslosen Gesellschaftsroman geschrieben, der viel Stoff zum Diskutieren bietet.