Flatterhafte Gedankenbriefe einer nackten Schiffbrüchigen

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minjo Avatar

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Wie verbringt man am besten die Zeit, während man nackt auf einer Tür im Atlantik dümpelt und einem brennenden Schiff beim sinken zusehen muss?

Ganz klar: man verfasst gedanklich schon einmal seinen Abschiedsbrief an die Lieben zuhause. In diesem Fall ist dies kein Geringerer als der berühmte dänische Märchendichter Hans Christian Andersen. Auch die nackte Verfasserin ist historisch verbrieft: es handelt sich um Henriette "Jette" Wulff, wohlhabende Tochter des Kommandeurs P.F.Wulff, und mit 53 ledigen Jahren auf dem Weg, in die Staaten auszuwandern.

Das Buch scheint hauptsächlich in Briefform verfasst zu sein, von Jetta an Andersen und gleichzeitig stellt sie sich dessen Antwort an sie vor, während sie auf der Tür auf den Wellen treibt. Dramatisch genug der Untergang der Austria, die in der Leseprobe ebenfalls beschrieben wird, kommt Jette auch auf anderes zu sprechen, z.B. wen sie auf dem Schiff kennengelernt hat. Doch immer, wenn es gerade interessant wird - nämlich, warum Jette mitten am Tag nackt ist - flattert sie gedanklich weiter. Das nervt zunehmend, da die Intention ja wohl ist, solange wie möglich um den heißen Brei herumzureden und die Geschichte zu verlängern, nämlich, dass sie sich wohl in eine Frau verliebt hat, was zu jener Zeit und in jenen Kreisen sicher einen Skandal wert gewesen wäre.

Ich weiß noch nicht so recht, was ich vom gelesenen halten soll, wenn ich ehrlich bin. Gegoogelt habe ich schon und erfahren, dass Andersen tatsächlich eine enge Freundschaft zu Henriette Wulff pflegte, ein ausdauernder Briefeschreiber war und auch die Austria 1858 nach einem Brand gesunken ist. Einerseits bin ich amüsiert von der Schreibweise des Autors und der Idee an sich, andererseits weiß ich nicht, ob mich der flatterhafte Gedankenaustausch ein ganzes Buch (wenn dieses auch nur gute 200 Seiten stark ist) gut unterhält oder bald schon nervt.