Lady über Bord

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In diesem Romanauszug aus „Die Liste der Lebenden“ von Stefan Kutzenberger schildert die Protagonistin Jette Wulff in einem fiktiven Brief an den Dichter Hans Christian Andersen eine dramatische Schiffskatastrophe. Nachdem der Dampfer „Austria“ auf dem Atlantik in Brand geraten ist, findet sie sich nackt und auf einer Tür treibend im Ozean wieder. Die Erzählerin reflektiert dabei über ihre Gefühlskälte angesichts des Todes und ihre Sehnsucht, den starren Konventionen Kopenhagens zu entfliehen. Der Text verwebt ihre gegenwärtige Notlage mit Erinnerungen an Gespräche über die Sängerin Jenny Lind und einem Antwortbrief Andersens, der seine eigene wehleidige Perspektive offenbart. Jette vergleicht ihr Schicksal mit dem Märchen Däumelinchen, während sie zwischen Hoffnungslosigkeit und einer seltsamen neuen Freiheit schwankt. Damit wird eine dichte Atmosphäre aus existenziellem Überlebenskampf und tiefgründiger Charakterstudie geschaffen.

Cover:

Sieht schön aus und weckt Interesse an der Erzählung. Erinnert mich aber auch an "Gentleman über Bord".

Schreibstil:

Einerseits nutzt die Protagonistin Jette eine gehobene, reflektierte Sprache, die ihrer Herkunft aus dem bürgerlichen Kopenhagen entspricht, andererseits steht diese in krassem Gegensatz zur Unmittelbarkeit und Brutalität ihrer aktuellen Lage. Originell ist das literarische Mittel des „Gedankenbriefs“. Jette „schreibt“ in ihrem Kopf an ihren engen Freund Hans Christian Andersen, während sie nackt auf einer Tür im Atlantik treibt. Dieser Stil erlaubt Einblicke in ihre Psyche und reflektiert gleichzeitig die Natur des Erzählens an sich.

Spannungsaufbau:

Der Spannungsaufbau in der Leseprobe ist effektiv, da die Erzählung mit einer Katastrophe beginnt. Hochgehalten wird die Spannung durch gezielte Informationslücken, insbesondere durch die wiederholte Erwähnung, dass sie nackt sei und dies mit einer jungen Wienerin namens Hansi zu tun habe, ohne die genauen Umstände sofort zu klären. Zudem erzeugt der Wechsel zwischen der verzweifelten Gegenwart im Wasser und den Rückblenden zum luxuriösen Bordleben eine beklemmende Atmosphäre

Charaktere:

Die bisher vorgestellten Charaktere sind vielschichtig und interessant gezeichnet.

Jette (Henriette Wulff) ist eine komplexe Protagonistin, die sich selbst als „gefühlskaltes Monster“ bezeichnet, da sie angesichts des Todes (auch des ihres Bruders) keine Erschütterung spürt, sondern lediglich eine distanzierte Beobachterin bleibt. Gleichzeitig ist sie eine gebildete Frau, die sich gegen gesellschaftliche Konventionen und Andersens Ratschläge auf den Weg nach Amerika gemacht hat.

Hans Christian Andersen erscheint in den Quellen als ein einfühlsamer, aber auch eitler und hypochondrischer Freund, dessen Märchen (wie „Däumelinchen“) Jettes Selbstbild beeinflusst haben. Die Dynamik zwischen seiner „brüderlichen“ Zuneigung und Jettes tieferen, oft verletzten Gefühlen verleiht der Geschichte eine emotionale Ebene.

Maestro Eisfeld dient als Beispiel für die eitlen Männer der bürgerlichen Gesellschaft, deren Monologe Jette in Kopenhagen so unerträglich fand.

Erwartung:

Von der Geschichte erwarte ich, dass sie die historische Tragödie der „Austria“ mit einer sehr persönlichen, fast philosophischen Überlebensgeschichte verknüpft. Es stellt sich die existenzielle Frage, ob der Mensch einen freien Willen besitzt oder von einer höheren Macht geführt wird.

Weiterlesen:

Ich würde das Buch gerne weiterlesen, um das Rätsel um Hansi zu lösen und zu erfahren, wie Jette in diese „schmachvolle Lage“ der Nacktheit geraten ist. Zudem reizt die Frage, ob Jette - die sich selbst als emotional gebrochen wahrnimmt - in dieser Extremsituation doch noch lernt „zu fühlen“. Die Verbindung zwischen biografischen Fakten (die Freundschaft zwischen Wulff und Andersen) und der fiktionalisierten Katastrophe verspricht eine dichte, psychologisch tiefgründige Erzählung.