Die Wulff und Andersen
Ein anderes Buch, sehr literarisch, nicht zum schnell durchlesen, mit teilweise philosophischen und melancholischen Einschüben. Henriette Wulff entschließt sich mit 53 Jahren, ihre Heimatzu verlassen und geht nach Amerika, dem Land der vielen Möglichkeiten. Selbst klein und bucklig, hat sie nie geheiratet, aber mit Hans Christian Andersen eine 40jährige, platonische, geschwisterliche Freundschaft genossen. Doch dann gerät das Auswandererschiff Austria am 13.08.1858 in Brand, von den 542 Passagieren konnten nur 89 gerettet werden. Nackt auf einer Tür liegend, treibt sie vom brennenden Schiff weg im Meer. Und hier schreibt sie in Gedanken Briefe an Andersen, rügt, dass er an ihre nie sexuelles Interesse gezeigt hat, teilt ihm mit, dass sie und er Kapitän sich nähergekommen sind, erzählt von alten Begebenheiten, bevor sie mit sich selbst im Reinen ins Meer stürzt. Andersen zuhause schreibt ebenfalls Brief an die Wulff. Er, der queere Mensch, wollte immer jungfräulich bleiben, damit er seinen Märchen nicht die Unschuld nimmt, bis ihm ein junges Mädchen total den Verstand nimmt. Als er von seinem Anwalt die Liste der Überlebenden bekommt, will er diese gar nicht lesen. Der Autor verbindet gekonnt Fiktion mit den geschichtlichen Begebenheiten, historische Personen wie Friedländer, Kierkegaard, Eisfeld, Andersen, Wulff finden hier zusammen. Seine Ausdrucksweise ist still und fließend, seine Dialoge leise und unaufdringlich. Das Cover zeigt uns die brennende Austria treibend auf dem weiten Meer.