Märchenhaft?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
frankenfrosch Avatar

Von

Manche Bücher, die ich das Glück habe, lesen zu dürfen, sind ein Geschenk. Dazu gehört Stefan Kutzenbergers Roman 'Die Liste der Lebenden'. Eigentlich ist das Thema nicht unbedingt ein schönes. Eine Frau schwimmt nackt, auf einer Tür liegend, im Atlantik. Zuvor ist auf einem Dampfschiff ein Feuer ausgebrochen. Daraus entwickekt Stefan Kutzenberger einen wundervollen Briefroman, der streckenweise an die hohe Minne im Hochmittelalter erinnert. Denn die nackte Frau ist Henriette Wulff eine enge Freundin aus Jugendtagen von Hans Christian Andersen. Während Henriette auf dem Atlantik treibt, schreibt sie, in Gedanken, Briefe an ihren brüderlichen Freund. Hans Christian Andersen beginnt von Dänemark aus Briefe an Jette zu schreiben, sehnsüchtig wartend, dass er ihre Anschrift erhält. Je länger Jette auf Rettung wartet, desto intensiver werden ihre Worte. Je länger Andersen auf einen Brief wartet, desto verzweifelter wird er. Doch was ist Wahrheit, was ist Traum? Erfindet Jette Andersens Antworten oder erfindet Andersen Jettes Briefe? Eines ist sicher, Henriette hat gelebt und auch das Schiffsunglück hat es gegeben. Ein bewegender und überaus spannender Roman mit Übergängen zwischen den Briefen, die so schön sind, dass man sie immer und immer wieder lesen möchte. Manchmal verzweifelt man am Ego eines berühmten Dichters, der irgendwann weiß, dass seine liebste Freundin verunglückt ist, aber dennoch nicht von seiner Ich-Betrachtung lassen kann. Briefromane können, wenn sie authentisch geschrieben sind, manchmal etwas voyeuristisches an sich haben, denn man kommt den Gedanken der Schreibenden sehr nahe. Und genau das ist Stefan Kutzenberger mit seinem Roman gelungen.