Surreales Zwiegespräch

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
lesenlesen Avatar

Von

Dieses Buch hat mich definitiv überrascht. Ich habe mehrfach meine Meinung und die anvisierte Punktzahl bei der Bewertung geändert und werde mich wohl erst am Ende dieser Rezension entscheiden, ob es die Höchstwertung gibt.

Jedenfalls hat „Die Liste der Lebenden“ mich beschäftigt und meine Gedanken auf Trab gehalten. Die Situation: Der Schriftsteller Hans Christian Andersen und seine „schwesterliche“ Freundin Henriette Wulff schreiben einander Briefe – sie in Gedanken, während sie nach einem Schiffsunglück auf dem Wasser treibt, er in seiner Schreibstube. Ihre Adressaten werden beide Briefe nicht erreichen.

Der kunstvolle Aufbau des Textes lässt die beiden Erzählstränge wie einen Dialog wirken. Die Geschehnisse und Gedanken, die Henriette formuliert, werden in Andersens Part gespiegelt, obwohl doch der Zeitraum der Handlung bei ihr einen Tag, bei ihm mehrere Wochen oder gar Monate umfasst: das Warten, Hoffen, die Unsicherheit, die Enttäuschung. Sehr gut gelungen sind die beiden unterschiedlichen Erzählstimmen: Der naive, selbstherrliche, schwärmerische Andersen und die zwischen Freiheit und gesellschaftlichen Normen treibende Henriette Wulff, deren Gedankenstrom wir folgen.

Schön erdacht ist auch das Konzept, dass Andersen versucht, Henriette schreibend zu retten, denn solange er nicht weiß, ob sie tot ist, lebt sie vielleicht noch. Schrödingers Jette quasi. „Solange ich es nicht weiß, sind Sie beides, tot und lebendig.“

Eine Sache, die mich gestört hat, war die Schilderung der Intimitäten - da habe ich mich irgendwie unwohl und fast geradezu abgestoßen gefühlt, obwohl ich da nun wirklich schon ganz anderes gelesen habe. Aber auch das zeigt wohl, wie tief der Autor mich in die Zeit und die Personen hat eintauchen lassen.

Die Geschichte wartet schließlich auch mit einigen Plot Twists auf, die alles vorher Geschilderte in Frage stellen. Das hat mich wirklich beeindruckt, zumal sich trotzdem alles spannend, leicht und lebendig liest. Wie verschachtelt die ganze Handlung wirklich ist, zeigt sich wirklich erst auf den letzten Seiten. Ein Lese-Experiment, das sich lohnt.