Wenn nichts mehr zu verlieren bleibt, bleibt immer noch die Wahrheit

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In dem Roman “Die Liste der Lebenden” greift der österreichische Autor Stefan Kutzenberger einen historischen Stoff auf, der in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden hat: den Brand und den Untergang des Auswanderschiffes SS Austria im September 1858, mitten auf dem Atlantik. Unter den Schiffbrüchigen befindet sich auch Henriette Wulff, jahrzehntelange Brieffreundin und enge Vertraute des wohl größten dänischen Autors Hans Christian Andersen.

Kutzenberger nutzt das Feuer, das brennende Deck und die treibenden Wrackteile als dramaturgischen Rahmen für ein Porträt zweier Menschen, die einander ein Leben lang nahe waren.

Nackt auf einer Schiffstür treibend, verfasst Jette nun im Geiste Briefe an Andersen, die er, ahnend, was geschehen ist, so stellt sie sich vor, zur selben Stunde in seiner Schreibstube beantwortet. Die körperliche Entblößung ist hier auch kein beiläufiges Detail; sie ist ein Herzstück des Romans. Denn Henriette ist nicht nur ihres Kleides beraubt, sondern aller gesellschaftlichen Hüllen, die sie als Frau ihres Standes in den Salons Kopenhagens ein Leben lang getragen hat. Es gibt jetzt nur noch die ehrliche und schonungslose Wahrheit.

Und so erfahren wir in diesem imaginären Briefroman nicht nur mehr über die Geschehnisse an Bord vor der Katastrophe, über die eigentliche Katastrophe und die folgenden Stunden, sondern erfahren auch mehr über diesen höchst widersprüchlichen Menschen Hans Christian Andersen.

Die Sprache Kutzenbergers ist präzise und von verhaltener Wärme durchzogen. Sätze wie “[...] denn wir sind doch Reisende, meine Liebe, keine Auswanderer, und Reisende kommen wieder, wie die Störche aus dem fernen Ägypten.” oder “[...] und ließ mein Blick der schäumenden Spur der Schiffsschraube folgen, die wie eine lange weiße, sich langsam auflösende Linie Europa mit mir verband.” fangen den “Sound” jener Tage für mich sehr gut ein.

Für alle, die literarische Romane schätzen, die unter der Oberfläche einer Liebesgeschichte über größere Dinge sprechen: über gesellschaftliche Zwänge, über die Feigheit des Herzens, über die erschreckende Erkenntnis, dass wir oft erst dann vollkommen ehrlich sind, wenn wir nichts mehr zu verlieren haben.