Zwischen Freunschaft und Liebe

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Rezension zu "Die Liste der Lebenden" von Stefan Kutzenberger

Eine Schiffskatastrophe im Jahr 1858. Die Szene in die wir auf der ersten Seite des Buchs hinein katapultiert werden, deckt sich mit der Abbildung am Umschlag. Das hat mir gleich gut gefallen.
Henriette Wulff treibt auf einer Tür, mitten am Meer, mit Blick auf die Trümmer des Dampfschiffs "Austria". Dem sicheren Tod nahe, drehen sich ihre Gedanken darum, dass sie (wenn auch nur im Kopf) einen letzten langen Brief an ihren geliebten Freund, den berühmten Hans Christian Andersen, schreiben möchte.
So werden wir Zeug:innen eines Auszugs der Briefwechsel zwischen den beiden - denn parallel dazu erfährt Hans Christian Andersen von dem Schiffsunglück und bangt um das Leben seiner besten Freundin.

Ganz wunderbar umspielt der Autor die verschiedenen Ausprägungen der Liebe zwischen Henriette und Hans Christian. Nichts wird direkt angesprochen (auch wenn die Protagonist:innen das beteuern), aber zwischen den Zeilen eh alles gesagt. Ich glaube, dass Henriette sogar nur wegen der unerfüllten Liebe zu Hans Christian nach Amerika auswandern wollte. Denn nichts ist schlimmer als einer geliebten Person ganz nah zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass man nie zu ihr gehören wird.

Doch auch Andersen hat seine Gründe, warum er sich Henriette nicht hingeben konnte. Er selbst ist in Wahrheit ein Gefangener in einer Zelle, die er sich selbst gebaut hat.

Jede Zeile in den Briefen bringt uns der Gefühlswelt der Liebenden näher und näher und wir fühlen mit ihnen den Schmerz, die Unsicherheit, die Sehnsucht, die Wut und die Verzweiflung.

Der verspielte, jugendlich anmutende Stil des Buchsdeckt sich mit dem Design des Umschlags. Dennoch passt die Sprache auch zur damaligen Zeit. Ein lustiger Spagat, den der Autor hier schafft. So könnte man mehr geschichtliche Ereignisse nahbarer für ein breites Publikum machen!
Denn diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit und die näheren Umstände werden vom Autor auch am Ende des Buchs erläutert.

Obwohl es um das Thema unerfüllte Liebe geht, wird der Text nie zu schwer und belastend.
Daher trotz der eigentlich harten Kost fast schon ein Feel-Good-Roman, bei dem man auch oft schmunzeln darf.