Zwischen echtem Trauma und plattem Macher-Gedöns

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roswitha-böhm-gedankenteiler Avatar

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Ganz ehrlich: Bei dieser Leseprobe sitze ich mit extrem gemischten Gefühlen da, und mein Daumen zuckt unentschlossen zwischen Respekt und genervtem Augenrollen hin und her. Die persönliche Vorgeschichte hat eine Wucht, die einem erst einmal den Boden unter den Füßen wegreißt. Wie der Autor schildert, wie er als vierjähriger Knirps voller kindlicher Vorfreude auf einen Schwimmbadbesuch im Auto sitzt, während der gewalttätige Vater in Wahrheit eine heimliche Entführung in den Iran durchzieht – das schnürt einem beim Lesen die Kehle zu. Auch die Szene am Frankfurter Flughafen, wo am Ende nur das panische Geschrei der sechsjährigen Schwester die beiden rettet, geht verdammt tief. Man spürt den Schmerz und dieses absolute Unverständnis des kleinen Jungen, der am Automaten Limo zieht, während die Welt um ihn herum zusammenbricht.

Genauso hat mir der Abschnitt über seine Lehrerin und Patentante imponiert. Als Junge, der wegen Gewalt, Fluchterfahrungen und Sprachbarrieren überall nur aneckt, als Problemkind abgestempelt wird und Türen zerschlägt, trifft er endlich auf eine Frau, die ihn nicht aufgibt, sondern sein Potenzial sieht. Das ist greifbar, berührend und zeigt ehrliche Dankbarkeit. Auch der Drang, sich nachts auf eigene Faust am Rechner HTML und Web-Basics beizubringen, um sich aus der Ohnmacht zu befreien, nötigt einem Respekt ab.

Was mir aber ganz gewaltig gegen den Strich geht, ist die Art und Weise, wie hier ein unfassbar schweres Kindheitstrauma auf Teufel komm raus in eine glattgebügelte „Hustle-and-Grind“-Schablone gepresst wird. Kaum ist der Vater im Flieger verschwunden, wird das Ganze mit Begriffen wie „Mindset“, „Learnings“, „Systeme bauen“ und „TL;DR“ zubetoniert. Aus dem bitteren Verrat der wichtigsten Bezugsperson wird im Handumdrehen die zynische Unternehmer-Erkenntnis gedrechselt: Vertraue niemandem, mach alles mit dir selbst aus, Therapie braucht kein Mensch, bau dir dein Business auf eigene Faust. Das hat diesen typischen, großspurigen Tonfall von selbsternannten Erfolgs-Coaches, bei denen jede Narbe sofort als Verkaufsargument für die eigene Härte herhalten muss. Dieses reflexartige Plattwalzen von echtem seelischem Schmerz mit Macher-Parolen wirkt auf mich furchtbar aufgesetzt und ungesund.

Unterm Strich ist das Buch wohl genau das Richtige für Leute, die auf kernige Motivations-Ratgeber mit autobiografischem Anstrich stehen und sich an Business-Sprech nicht stören. Die Lebensgeschichte dahinter ist zweifellos bewegend und zeigt eine beeindruckende Stehauf-Mentalität. Aber wer eine tiefgründige, sensible Auseinandersetzung mit den Schattenseiten einer solchen Kindheit sucht, wird von den ständigen Ratschlägen und dem Drang, aus jedem Schmerz sofort Profit oder ein Firmen-Mantra zu schlagen, vermutlich genauso schnell abgeschreckt sein wie ich.