Faszinierendes psychologisches Duell

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
k1a9t0h1i Avatar

Von

Schon das Cover von „Die Lüge in ihrem Gesicht“ hat mich als Thriller-Fan direkt angesprochen. Es ist zwar recht schlicht gestaltet, sticht aber durch sein dominantes, feuerrotes Design sofort ins Auge und vermittelt eine aggressive, fast schon greifbare Anspannung. Es passt hervorragend zu dem Versprechen eines packenden Psychothrillers, bei dem es um intensive Emotionen, Geheimnisse und vertuschte Wahrheiten geht.Die ersten 40 Seiten der Leseprobe halten dieses Versprechen absolut und bauen von Beginn an eine enorme Dynamik auf. Anne Keßel startet geschickt mit einem Paukenschlag: Ein junger Mann stirbt auf offener Straße durch die Hand einer unbekannten Frau. Laut Videoaufzeichnungen und Augenzeugen handelt es sich eindeutig um Notwehr – doch die Täterin schweigt beharrlich und weigert sich, ihre Identität preiszugeben.Besonders stark gelingt der Einstieg durch die Einführung der Protagonistin Professor Marlene Nielsen. Sie ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Verhaltenspsychologie und besitzt die faszinierende Fähigkeit, Lügen anhand von Mikroexpressionen im Gesicht aufzuspüren. Als sie auf die schweigende Verdächtige trifft, deutet sich bereits auf den ersten 40 Seiten ein extrem spannendes Kammerspiel an. Die Idee, die Entlarvung von Mimik und Körpersprache in das Zentrum der Ermittlung zu stellen, verleiht der Geschichte eine erfrischend psychologische Note, die an Serien wie „Lie to me“ erinnert.Der Schreibstil ist präzise, angenehm flüssig und rasant. Die Autorin versteht es, komplexe psychologische Mechanismen lebendig zu erklären und gleichzeitig eine unterschwellige Bedrohung aufzubauen. Marlene wirkt als Ermittlerin erfrischend unkonventionell, bringt eigene Ecken und Kanten mit und man spürt sofort, dass auch sie persönliche Geheimnisse hütet. Das Zusammenspiel mit Hauptkommissar Deniz Kurt verspricht zudem eine hervorragende Dynamik für den weiteren Verlauf des Falls.Nach diesem Teaser bleibt man mit unzähligen Fragen zurück: Wer ist die schweigende Frau? Warum reagiert sie ausgerechnet auf Marlenes Namen mit Furcht? Ein absolut gelungener, vielversprechender Auftakt, der neugierig auf das gesamte Lügenkonstrukt macht.