Manche Wahrheiten stehen einem ins Gesicht geschrieben.

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hexenbücherei Avatar

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Eine Frau sitzt stundenlang schweigend auf einer Polizeiwache in Hamburg, ein junger Mann ist tot, angeblich Notwehr, sogar ein Video soll das beweisen, aber die Frau sagt einfach gar nichts und niemand weiß auch nur, wer sie überhaupt ist. Und dann kommt Marlene ins Spiel, eine Verhaltenspsychologin, die Mikroexpressionen lesen kann, also diese winzigen, unkontrollierbaren Regungen im Gesicht, die uns verraten, was wir eigentlich fühlen, egal wie sehr wir versuchen es zu verstecken. Und Marlene sieht in diesem Gesicht eben nicht Unschuld, sondern Angst und Schuld. Und obwohl die Frau freigesprochen wird, kann Marlene einfach nicht loslassen und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, was sie mitten in ein Netz aus Lügen zieht, das am Ende sogar bis nach Dänemark führt.

Also allein diese Grundidee hat mich sofort gepackt, weil ich noch nie ein Buch gelesen habe, das sich so intensiv mit Mikroexpressionen beschäftigt. Man merkt richtig, wie viel Recherche und Liebe da reingeflossen ist, und ich hab mich selbst dabei ertappt, wie ich beim Lesen versucht hab, die Mimik von Leuten um mich rum genauer zu beobachten. Total spannend fand ich auch, dass der Fokus hier nicht auf brutaler Action oder Gewalt liegt, sondern viel mehr auf der Psychologie der Figuren, auf diesem ganz leisen, subtilen Spiel zwischen Wahrheit und Lüge. Das hat mich viel mehr gefesselt als jeder plumpe Twist, den man sonst so kennt. Auch der Schreibstil hat mir super gut gefallen, er liest sich unglaublich flüssig und die Kapitel sind angenehm kurz. Marlene als Hauptfigur fand ich außerdem total nahbar, ihre Entscheidungen mögen manchmal riskant gewesen sein, aber ich konnte sie jedes Mal nachvollziehen und hab richtig mit ihr mitgefiebert. Auch die Nebenfiguren haben dem Ganzen noch mal richtig viel Tiefe gegeben, vor allem Michael, der Vater des getöteten jungen Mannes, hat mich emotional echt getroffen.

Was mir vielleicht ein kleines bisschen gefehlt hat, war stellenweise im Mittelteil ein bisschen mehr Tempo, es gab ein paar Momente, wo ich das Gefühl hatte, die Handlung zieht sich minimal, bevor es dann wieder richtig Fahrt aufgenommen hat. Aber das hat meiner Gesamtbegeisterung wirklich keinen Abbruch getan, weil das Ende einfach so stark und nachwirkend war, dass ich noch lange danach darüber nachdenken musste.

Für mich ist 'Die Lüge in ihrem Gesicht' ein absolutes Highlight unter den Psychothriller Neuerscheinungen und ein richtig gelungenes Debüt. Wenn ihr Bücher mögt, die mehr auf psychologische Spannung als auf Blut und Action setzen, und wenn euch Themen wie Körpersprache und Mimik genauso faszinieren wie mich, dann ist das hier definitiv ein Must Read für euch. Ich für meinen Teil kann mir diese Geschichte sogar richtig gut als Verfilmung vorstellen und werde Anne Keßel als Autorin auf jeden Fall im Auge behalten.