Eine Zugfahrt zum Sinn des Lebens

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
wortpause Avatar

Von

Die Uhr schlägt 00:01 Uhr, und die Matt-Haig-Kenner unter uns können mit Sicherheit bereits erahnen, was als Nächstes passiert: Als der 81-jährige Wilbur nach einem Telefonat mit seiner großen Liebe Maggie einen Herzinfarkt erleidet, findet er sich zwischen Leben und Tod wieder: mit einer Fahrkarte in der Hand und an Bord des Mitternachtszuges, der ihn auf eine große Reise durch sein Leben mitnimmt. Bahn frei!

Zug um Zug durchlebt Wilbur als Geist und in Begleitung von Agnes Bagdale, einer Buchhändlerin, sein Leben noch einmal. Die Stationen orientieren sich an den Meilensteinen seines Lebens, die jedoch nicht ausschließlich positiv sind, sondern vielmehr all jene einschneidenden Erlebnisse widerspiegeln, die ihn zu dem Menschen gemacht haben, der er am Ende seines Lebens ist. Für manche Momente reicht ein Blick aus dem fahrenden Zug, während andere Erinnerungen einen Halt verlangen, um sie noch einmal intensiv aufzusaugen. Dabei erlebt Wilbur die Augenblicke nicht nur ein zweites Mal, sondern fühlt sie erneut und betrachtet sein Leben auf reflektierte Weise. Retrospektiv fällt das natürlich leichter. So wächst zunehmend der Wunsch in ihm, in die Vergangenheit - in sein eigenes Leben - eingreifen zu wollen, um das Leben auf jene Gleise zu lenken, die wirklich wichtig sind.

Damit sind die Weichen bereits für einen klassischen Matt Haig gestellt: ein Buch, voll gespickt mit Lebensweisheiten, die den Leser zum Nachdenken anregen. Manche davon liegen offen zutage, andere erschließen sich erst zwischen den Zeilen, und einige Gedanken wirken sogar noch lange nach dem Ende des Buches nach. Es geht um den Sinn des Lebens, das Sein, Prioritäten und die Zeit - und um jene Momente, aus denen wir am meisten lernen, auch wenn es nicht immer die glücklichsten sind. Besonders charmant finde ich, wie Wilburs Geist versucht, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, um Situationen auszudiskutieren und zu reflektieren. Dadurch entsteht beim Lesen eine wundervolle Balance. Und irgendwie ist es ja auch nie zu spät, die richtigen Entscheidungen zu treffen, oder?

Obwohl Die Mitternachtsreise eine ganz andere Geschichte erzählt als Die Mitternachtsbibliothek, ist zugleich vieles erstaunlich ähnlich. Sprachstil und Tonalität, Perspektive, Atmosphäre, Aufbau sowie die chronologische Dramaturgie und manche Handlungstwists erinnern stark an den ersten Roman. Wie eine Art Blaupause entdeckt man immer wieder Elemente, die bereits aus dem Vorgänger bekannt sind, ohne dass die Handlung vorhersehbar oder gar langweilig wirkt. Alles, was man am ersten Roman liebte, findet sich auch hier wieder. Und auch all das, was vielleicht etwas wunderlich erscheint, begegnet einem erneut. Die Mitternachtsreise lässt sich jedoch ebenso problemlos lesen, ohne Die Mitternachtsbibliothek zu kennen. Lediglich an einer kleinen Stelle wird ein Bezug hergestellt, der für die Handlung dieses Buches jedoch nicht essenziell ist, sondern vielmehr wie ein kleiner Gruß in die andere Mitternachtswelt wirkt.

Ps… Verpasst nicht, das Buch einmal um 00:01 zu betrachten - ihr werdet begeistert sein!