Taditionell oder doch neugedacht?

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Der Wind peitscht nicht nur durch die Tannen, er fährt Cora direkt ins Denken. Oktober 1987 ist kein Datum, sondern ein Zustand – unruhig, aufgeladen, kurz vor einer Entscheidung, die größer ist als sie scheint. Denn es geht nicht nur um einen Namen. Es geht um Schicksal, Zuschreibung, Vererbung von Erwartungen. Und um die leise, gefährliche Frage: Wie viel Freiheit passt in eine Familie?

Was mich sofort packt, ist diese kluge Verschränkung von äußerem Sturm und innerem Beben. Während draußen Gießkannen fliegen und Bäume entwurzelt werden, ringt Cora mit einer fast archaischen Angst: Kann ein Name ein Leben formen? Und wenn ja – wer entscheidet das? Die Sprache ist dabei sinnlich und präzise, manchmal fast beiläufig brutal. Wenn sie den Namen „Gordon“ beschreibt, hört man ihn fallen. Man spürt das Gewicht der Tradition, dieses männliche Weiterreichen wie ein Erbstück, das niemand mehr hinterfragt, weil es schon immer so war.

Ungewöhnlich stark: die Perspektive der Mutter, die denkt, während sie funktioniert. Stillt, schiebt, hört zu, schweigt – und in all dem denkt sie weiter als alle anderen. Besonders berührend ist die Beziehung zu Maia, dieser klugen, hellhörigen Tochter, die Fragen stellt, die Erwachsene vermeiden. Hier zeigt der Text seine größte Stärke: Er nimmt Kinder ernst, ohne sie zu verniedlichen, und entlarvt nebenbei, wie früh Rollenmuster und Loyalitäten weitergegeben werden.

Das ist ein Romananfang, der nicht laut sein muss, um nachzuhallen. Er legt seine Sprengkraft in Alltagsbeobachtungen, in Namen, in scheinbar harmlose Sätze wie: „Kümmer dich heute um die Geburtsurkunde.“ Zwei Sätze nebeneinander – und ein ganzes Leben dazwischen.