Er trug seinen Namen (nicht)

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Wie würde mein Leben verlaufen, wenn ich Blume, Julia oder Josephine heißen würde? Würde es überhaupt einen Unterschied machen? Dieser Frage geht der Roman nach und spielt dabei drei verschiedene Lebensläufe durch, und zwar immer abschnittsweise für jeden Namen eine Zeitspanne von 1986 bis 2022. So lernen wir Bear, Julian und Gordon kennen.
Die Reihenfolge der Schicksale von Bear, Julian und Gordon ist dabei gut gewählt, auch wenn man sich ständig darauf konzentrieren muss, wessen Abschnitt man gerade liest und vor allem wann. Hier habe ich mir mit Notizen zu Eckdaten geholfen.
Mit der Lebensgeschichte des jeweiligen Jungen ist die seiner Mutter eng verwebt. Sie spielt in vielen Dingen eine zentrale Rolle. Hier wäre meiner Meinung nach eine Triggerwarnung dringend notwendig, denn anhand des Klappentextes kann man nicht auf häusliche Gewalt schließen.
Es gab mehrere Momente, in denen ich beinahe aufgegeben hätte weiterzulesen, weil mir das Schicksal zu grausam erschien. Aber genauso gab es dann wieder schöne Momente, die ich sonst nicht erlebt hätte.
Das Buch macht etwas mit dem Leser. Es wühlt auf, schockiert, macht sprachlos, nachdenklich, ungläubig, fassungslos. Es bietet unglaublich viel Diskussions-Potential. Ich kann mir das Buch deshalb gut in einem Buchclub vorstellen. Es hat mich noch sehr lange beschäftigt.
Man fragt sich unweigerlich, wie man selbst reagiert hätte, als Opfer, als Mitwisser. Welche Aktion hätte den Verlauf der Geschichte verändert und welche nicht? Hier finde ich das Spiel mit den Möglichkeiten äußerst gelungen.
Allen Abschnitten ist ein gut konstruierter Spannungsbogen gemein.
Der Schreibstil ist ausgeprägt atmosphärisch, aber auch brutal und nüchtern, fast sachlich, je nachdem wessen Phase gerade beschrieben wird und hat mich sofort gepackt. Er hat mich sehr intensiv eingesaugt. Viele Sätze musste ich mehrfach lesen, um die aussagekräftigen Bilder immer und immer wieder zu visualisieren.
„Sie geht mit klopfendem Herzen durchs Leben, durch die Welt, als könne die jeden Augenblick eine Granate nach ihr werfen. “
Der Text ist voller kluger Neologismen, Metaphern, Allegorien, Personifikationen und Herleitungen. Trotz des ernsten Hintergrunds und der todtraurigen Abschnitte ist es ein Erlebnis, dieses Debüt zu lesen.