Häusliche Gewalt, drei Namen, drei Lebensentwürfe: 3,5⭐️
„Die Namen“ von Florence Knapp hatte mich vom perfekt zum Inhalt passenden Cover genauso angesprochen wie vom Plot her: Welchen Einfluss hat der eigene Name auf den Lebensweg eines Menschen?
Der Roman beginnt 1987, als Cora mit ihrer neunjährigen Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um den Namen ihres Sohnes anzumelden. Ihr Mann Gordon möchte, dass der Sohn seinen Namen bekommt; es ist in seiner Familie Tradition, dass alle Söhne den Namen seines Vaters bekommen. Doch Cora möchte das nicht; sie hat Angst, dass ihr Sohn mit dem Namen auch die Gewalttätigkeit seines Vaters erbt. Sie würde ihn gerne Julian nennen, damit ihr Sohn so hoffentlich eine eigene Persönlichkeit entwickeln kann.
Ihre Tochter Maia dagegen möchte den kleinen Bruder gerne Bear nennen.
Wie soll Cora sich entscheiden bei der Namenswahl?
Ab hier lesen wir in siebenjährigen Zeitsprüngen die drei möglichen Lebensentwicklungen von Bear, Julian und Gordon. Je nachdem, ob Cora sich dem Wunsch ihres Mannes unterordnet oder selbstbestimmt handelt, ändern sich auch die Lebensentwürfe. Wobei alle drei Leben weiterhin stark beeinflusst sind von der häuslichen Gewalt und anderen Schicksalsschlägen; kein Leben ist wirklich glücklich, finde ich.
Den Beginn des Romans fand ich sehr stark und gelungen; die Situation vor der Namenswahl:
„‘Wieso ist ihm das eigentlich so wichtig? Dad, meine ich. Das mit dem gleichen Namen.‘
Cora würde gern sagen, dass es ihm so wichtig ist, weil große Männer sich innendrin manchmal klein fühlen. Weil manche Menschen – wie Gordons Vater – durchs Leben gehen und sich derart vollendet vorkommen, dass sie der Meinung sind, ihre Kinder und Kindeskinder sollten nach ihrem Vorbild erschaffen werden. Weil sie manchmal mehr darauf bedacht sind, die früheren Generationen zufriedenzustellen, als die zukünftigen zu lieben. Cora kommt es vor wie brusttrommelndes Stammesgehabe. Doch nichts davon sagt sie zu Maia. Ihre Tochter schnappt ohnehin schon viel zu viel auf. Nach jeder Auseinandersetzung, egal wie still Cora sie über sich ergehen lässt, kommt Maia morgens an die Spüle, schlingt ihr die dünnen Ärmchen um die Taille, schmiegt die Wange an ihren Rücken und sagt: ‚Meine liebe Mummy.‘ Dann spürt Cora, wie sie mitleidet, ihre Traurigkeit teilt. Und einmal fühlt sie auch den feuchten Stoff an ihrem Rücken, da, wo Maias Gesicht aufgelegen hat.
‚Manchen Menschen ist Tradition eben wichtig‘, sagt sie stattdessen.
‚Aber es ist doch auch wichtig, seinen eigenen Namen zu haben, oder? Manchmal? Vielleicht hätte sogar Dad gerne einen eigenen gehabt.‘
Cora nimmt eine Hand vom Kinderwagen und legt Maia den Arm um die Schultern. ‚Kluges Mädchen.‘
Wieder fragt sie sich, ob sie es richtig macht. Das hier, das alles. Ob es für Gordon selbst überhaupt das Richtige ist, die Tradition weiterzuführen. Indem er bereitwillig ein Dasein im Schatten seines Vaters und Großvaters führt, hält er die Gemeinsamkeiten vielleicht erst am Leben, vergrößert die Last, die er zu tragen hat. Womöglich wäre es eine Befreiung, ihr Kind anders zu nennen. Nicht sofort, aber später.
Und Maia. Bringt sie ihrer Tochter so nicht bei, dass es wichtiger ist, den Frieden zu wahren, als das Richtige zu tun? Cora fragt sich, was Maia von ihr halten wird, wenn sie einwilligt, ihrem Bruder diesen Namen zu geben, der ihn an Generationen herrschsüchtiger Männer bindet. Und ihr dämmert, dass Maias Name, der ursprünglich als heimliches Band zwischen ihnen gedacht war, ebenfalls zur Bürde werden könnte, nun, da sie ihr seine Bedeutung verraten hat. Womöglich hat sie unabsichtlich die Botschaft vermittelt, dass Maias Leben dieselbe Richtung einschlagen wird wie ihres, obwohl sie doch hofft, dass die Kinder ihren eigenen Weg gehen werden.“
Es tat mir fast selbst körperlich weh, wie authentisch und schmerzhaft die häusliche Gewalt und die Qualen dargestellt waren, denen Cora ausgeliefert war, und welchen Einfluss das auf die Kinder, besonders Maia, hatte.
Leider konnte mich der weitere Verlauf der drei Lebensgeschichten nicht ganz abholen. Irgendwie blieb da eine Lücke, vielleicht, weil ich mir eine optimistischere Wendung erhofft hatte. Es fehlte mir ein wenig mehr Zuversicht und das Gefühl, das eigene Leben selbst in der Hand zu haben. Eine hoffnungsvollere Botschaft hätte dem Buch gutgetan.
„Die Namen“ ist ein Roman mit einem sehr interessanten Grundgedanken, dessen Umsetzung mich jedoch insgesamt nur bedingt überzeugen konnte. Ich vergebe final 3,5 von 5 Sternen.
Der Schreibstil der Autorin ist auf jeden Fall klasse und ich hoffe, bald noch mehr von ihr zu lesen.
Vielen Dank an den Eichborn Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Der Roman beginnt 1987, als Cora mit ihrer neunjährigen Tochter Maia auf dem Weg zum Standesamt ist, um den Namen ihres Sohnes anzumelden. Ihr Mann Gordon möchte, dass der Sohn seinen Namen bekommt; es ist in seiner Familie Tradition, dass alle Söhne den Namen seines Vaters bekommen. Doch Cora möchte das nicht; sie hat Angst, dass ihr Sohn mit dem Namen auch die Gewalttätigkeit seines Vaters erbt. Sie würde ihn gerne Julian nennen, damit ihr Sohn so hoffentlich eine eigene Persönlichkeit entwickeln kann.
Ihre Tochter Maia dagegen möchte den kleinen Bruder gerne Bear nennen.
Wie soll Cora sich entscheiden bei der Namenswahl?
Ab hier lesen wir in siebenjährigen Zeitsprüngen die drei möglichen Lebensentwicklungen von Bear, Julian und Gordon. Je nachdem, ob Cora sich dem Wunsch ihres Mannes unterordnet oder selbstbestimmt handelt, ändern sich auch die Lebensentwürfe. Wobei alle drei Leben weiterhin stark beeinflusst sind von der häuslichen Gewalt und anderen Schicksalsschlägen; kein Leben ist wirklich glücklich, finde ich.
Den Beginn des Romans fand ich sehr stark und gelungen; die Situation vor der Namenswahl:
„‘Wieso ist ihm das eigentlich so wichtig? Dad, meine ich. Das mit dem gleichen Namen.‘
Cora würde gern sagen, dass es ihm so wichtig ist, weil große Männer sich innendrin manchmal klein fühlen. Weil manche Menschen – wie Gordons Vater – durchs Leben gehen und sich derart vollendet vorkommen, dass sie der Meinung sind, ihre Kinder und Kindeskinder sollten nach ihrem Vorbild erschaffen werden. Weil sie manchmal mehr darauf bedacht sind, die früheren Generationen zufriedenzustellen, als die zukünftigen zu lieben. Cora kommt es vor wie brusttrommelndes Stammesgehabe. Doch nichts davon sagt sie zu Maia. Ihre Tochter schnappt ohnehin schon viel zu viel auf. Nach jeder Auseinandersetzung, egal wie still Cora sie über sich ergehen lässt, kommt Maia morgens an die Spüle, schlingt ihr die dünnen Ärmchen um die Taille, schmiegt die Wange an ihren Rücken und sagt: ‚Meine liebe Mummy.‘ Dann spürt Cora, wie sie mitleidet, ihre Traurigkeit teilt. Und einmal fühlt sie auch den feuchten Stoff an ihrem Rücken, da, wo Maias Gesicht aufgelegen hat.
‚Manchen Menschen ist Tradition eben wichtig‘, sagt sie stattdessen.
‚Aber es ist doch auch wichtig, seinen eigenen Namen zu haben, oder? Manchmal? Vielleicht hätte sogar Dad gerne einen eigenen gehabt.‘
Cora nimmt eine Hand vom Kinderwagen und legt Maia den Arm um die Schultern. ‚Kluges Mädchen.‘
Wieder fragt sie sich, ob sie es richtig macht. Das hier, das alles. Ob es für Gordon selbst überhaupt das Richtige ist, die Tradition weiterzuführen. Indem er bereitwillig ein Dasein im Schatten seines Vaters und Großvaters führt, hält er die Gemeinsamkeiten vielleicht erst am Leben, vergrößert die Last, die er zu tragen hat. Womöglich wäre es eine Befreiung, ihr Kind anders zu nennen. Nicht sofort, aber später.
Und Maia. Bringt sie ihrer Tochter so nicht bei, dass es wichtiger ist, den Frieden zu wahren, als das Richtige zu tun? Cora fragt sich, was Maia von ihr halten wird, wenn sie einwilligt, ihrem Bruder diesen Namen zu geben, der ihn an Generationen herrschsüchtiger Männer bindet. Und ihr dämmert, dass Maias Name, der ursprünglich als heimliches Band zwischen ihnen gedacht war, ebenfalls zur Bürde werden könnte, nun, da sie ihr seine Bedeutung verraten hat. Womöglich hat sie unabsichtlich die Botschaft vermittelt, dass Maias Leben dieselbe Richtung einschlagen wird wie ihres, obwohl sie doch hofft, dass die Kinder ihren eigenen Weg gehen werden.“
Es tat mir fast selbst körperlich weh, wie authentisch und schmerzhaft die häusliche Gewalt und die Qualen dargestellt waren, denen Cora ausgeliefert war, und welchen Einfluss das auf die Kinder, besonders Maia, hatte.
Leider konnte mich der weitere Verlauf der drei Lebensgeschichten nicht ganz abholen. Irgendwie blieb da eine Lücke, vielleicht, weil ich mir eine optimistischere Wendung erhofft hatte. Es fehlte mir ein wenig mehr Zuversicht und das Gefühl, das eigene Leben selbst in der Hand zu haben. Eine hoffnungsvollere Botschaft hätte dem Buch gutgetan.
„Die Namen“ ist ein Roman mit einem sehr interessanten Grundgedanken, dessen Umsetzung mich jedoch insgesamt nur bedingt überzeugen konnte. Ich vergebe final 3,5 von 5 Sternen.
Der Schreibstil der Autorin ist auf jeden Fall klasse und ich hoffe, bald noch mehr von ihr zu lesen.
Vielen Dank an den Eichborn Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚