Hartes Thema, sanfter Umgang, dichte Konstruktion

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angie99 Avatar

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Wenn ich ein Buch bewerten muss, stelle ich innerlich eine Liste über die Dinge auf, die es zu kritisieren gibt und ziehe entsprechend Sterne ab. Nun halte ich ein Buch in den Händen, bei dem ich mich einfach nicht überwinden kann, keine 5 Sterne zu geben – und dies trotz ziemlich gewichtigen Mängeln.

Fangen wir bei Titel und Klappentext an. Diese suggerieren, dass der Name des Kindes seine Zukunft beeinflusst, doch dies ist höchstens die halbe Wahrheit. Schon einen Tag nach dem Eintrag ins Geburtsregister wird das Leben dieses Säuglings je nach Name komplett anders aussehen, doch diese drastischen Unterschiede sind auf die Reaktionen der Eltern auf die Namensgebung zurückzuführen, insbesondere der des Vaters. Dieser wird im Klappentext als „herrisch“ bezeichnet, was aber eine eher nette Beschreibung ist, denn er ist ein manipulatives, gewalttätiges Ekelpaket.
Man merkt schnell (deswegen ist das auch kein Spoiler): In „Die Namen“ spielen Namen zwar eine leise Rolle, aber im Prinzip ist es ein Buch über häusliche Gewalt; der Verlag hat diesen Ausdruck im Klappentext wahrscheinlich vermieden, um keine potentiellen Leserinnen abzuschrecken, ich hingegen finde diese Erwähnung angebracht. Denn dieses Thema zieht sich durch das ganze Buch.

Zurück zum Vater, diese Figur ist denn auch ein weiterer großer Kritikpunkt. Er bleibt konturenlos und fern. Seine Taten sind einfach nur grässlich, die Hintergründe werden aber nicht beleuchtet. Auch das ist wohl Absicht, um dem Täter keine Stimme zu geben. Damit man nicht doch noch ein Fünkchen Verständnis für etwas aufbringt, was untolerierbar ist. Als Leserin empfand ich es jedoch als unbefriedigend, zumal die wenigen punktuellen Einsichten kein stimmiges, greifbares Bild von ihm ergeben.

Aber auch die Hauptprotagonisten Cora, Maia und „der Junge“ sind nicht sehr vielschichtig gezeichnet. Es sind eher die Nebenfiguren, die die Geschichte lebendig werden lassen (darunter gibt es ein paar richtige Sympathie-Perlen…), und zwar auf eine wunderbar liebevolle Art…

… Womit wir schon bei den Pluspunkten dieses Romans angelangt sind:

Trotz des erschütternden Grundthemas ist „Die Namen“ ein hoffnungsvolles und tröstliches Buch. Eines, das glaubwürdig von Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Stärke, Wachstum und Überwindung erzählt.
Es ist ein Buch, das unheimlich viele Emotionen beinhaltet und gleichzeitig auslöst (nein, ich weine nie beim Lesen… jedenfalls fast nie…)
Ein Buch, indem unheimlich viel passiert.
Die Autorin entblättert auf etwas über 300 Seiten gleich drei verschiedene Lebensversionen, und zwar nicht nur von dem benannten Jungen (Bear, Julian, Gordon), sondern auch von Mutter Cora und Schwester Maia. Über 35 Jahre erstreckt sich die Erzählung und macht damit schnell klar: hier geht es nicht um Feinheiten, sondern darum, einen größeren Bogen zu schlagen und längerfristige Entwicklungen aufzuzeigen. Die psychologische Tiefe geht quasi auf Kosten der Handlung verloren, allerdings schafft es die Autorin, mit Hilfe dieser Handlungen auszudrücken, was im Inneren der Figuren vonstattengeht.
Alle sieben Jahre erhaschen wir einen Blick auf diese Personen. Dieser Abstand ist groß, was dazwischen passiert, muss man sich als Leserin oft selber zusammenreimen. Die Hinweise dazu lässt die Autorin meisterlich in den Text einfließen, so dass man einerseits völlig in die jeweilige aktuelle Lebenssituation eintauchen kann und trotzdem die nötigen Informationen über das bekommt, was zwischendurch passiert ist. Hier wird klar, warum dieses Buch als „Bester Debütroman seit langem“ gehandelt wird: Unheimlich souverän hält Florence Knapp die vielen Fäden ihrer verschiedenen Handlungsstränge in der Hand, die Entwicklungen sind trotz der erzählerischen Lücken stets schlüssig, es gibt keine Wiederholungen, keine Längen, dafür verblüffende Details und manchmal auch augenzwinkernde Kleinigkeiten zu entdecken.
Obwohl „Die Namen“ definitiv kein Spannungsroman ist, klebt man an den Seiten. Man will wissen, wie es weitergeht. Und es geht weiter. In einer Dichte, die ihresgleichen sucht. Auf jeder Seite, beinahe in jedem Satz eröffnet sich etwas Neues, manchmal unerwartet, manchmal erhofft, manchmal seelenzerschmetternd.

Und dann die Sprache. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Sätze in einem Buch angestrichen! Wie toll bitteschön ist der Ausdruck „Schwindelerregende Ganzkörperfreude!“ (S. 17) Aber auch viele andere Aussagen tragen so viel Herzlichkeit in sich: „Seine Güte und Wärme haben sich tiefer in seinem Gesicht festgesetzt…“ (S. 114)
Die wunderbare empathische, herzerwärmende Ausdrucksweise macht das Buch dann endgültig zu einem Highlight.

„Im Laufen spürt er, wie seine Hoffnung Auftrieb bekommt wie ein Drachen, er rennt schneller, will sie höher steigen lassen, will an ein Happy End glauben.“ (S. 318) Das will man auch als Leserin, an ein Happy End glauben, und deshalb dieses Buch bis zum letzten Buchstaben nicht mehr loslassen. Um es danach weiterzugeben und mindesten weiterzuempfehlen – nicht nur, aber auch, weil man sich gerne mit jemandem über das Gelesene austauschen möchte. Weil man sich auch nach der Lektüre noch fragt, ob das Happy End wirklich eingetroffen ist, wenn ja, für wen, und vielleicht auch, was ein Happy End eigentlich bedeutet.

Dieses Buch hat 5 Sterne verdient, jeder Mängelliste zum Trotz. Weil es fesselt, schockiert, berührt, bewegt, mitreißt, weil es fordert und weil es viel zurückgibt. Weil man es nicht so schnell vergessen wird.