Ein sehr komplexes, großartig durchdachtes Schauspiel
„Die Probe“ von Katie Kitamura [aus dem Englischen von Henning Ahrens] war für mich im letzten Jahr ein ganz großes Lesehighlight und ich habe noch sehr lange nach der Lektüre über die beschriebenen Dinge nachgedacht. Zunächst beginnt dieser Roman eher harmlos mit einem Treffen zwischen der Protagonistin und bekannten Schauspielerin, die am Theater für die Premiere eines Stücks probt, und einem jungen Mann. Sie sitzen zu Mittag in einem Restaurant - er muss ihr unbedingt etwas sagen. Sie hält es für einen Annäherungsversuch und möchte ihn möglichst auf Abstand halten, doch das was er dann sagt, hat eine deutlich größere Bedeutung. Xavier behauptet ihr Sohn zu sein. Er hätte nach seiner Mutter gesucht, alles genauestens recherchiert und sei sich bei ihr 100%ig sicher. Doch sie hatte nie ein Kind, sie könnte es aufklären, aber irgendwas hält sie zurück. Ihr erstes Treffen endet ruckartig, als Tomas, der Mann der Protagonistin das Restaurant durchschritt und wieder hinausging.
Xavier bleibt da noch am Tisch sitzen, aber nach und nach nimmt er immer größere Räume im Theater und später auch in ihrem Leben ein. Oder doch nur in diesem Stück?
„Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang - solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert. Doch je tiefer die Komplizenschaft geht, je länger sie währt, desto enger die Spielräume, desto strikter und bindender die Vereinbarung, und am Ende bedurfte es wenig, um alles zusammenbrechen zu lassen. Es war, als wäre eine Pause ausgerufen worden, als wäre uns beiden schlagartig aufgegangen, dass sein Text mangelhaft, meine Charakterisierung ungenügend, der gesamte Plot fehlerhaft und unplausibel war.“
Ich habe aufgrund dieses Romans sehr viel über die Wirkung, die Diskrepanz zwischen eigener und äußerer Wahrnehmung, über zwischenmenschliche Beziehungen und die Literatur an sich nachgedacht. Für mich ist dieser Roman mit diesen ganzen feinen, geschilderten Beobachtungen und Gedanken, sowie dem Plot sehr große Kunst, denn nicht nur durch die Aufteilung in zwei Teile, wird man plötzlich in eine ganz andere Realität geworfen, in der man sich als Lesende*r neu zurechtfinden muss, auch die Interpretationsmöglichkeiten und Perspektiven (ohne nun zu viel verraten zu wollen) innerhalb einzelner Szenen sind sehr vielfältig. Bereits die Anfangsszene fasziniert mich, denn von außen betrachtet, könnte es fast wie ein Date aussehen, während ihr selbst dieses Treffen eher unangenehm ist. Und als der Mann der Protagonistin zufällig auch in dieses Restaurant tritt und sie gar nicht wahrnimmt… so als würden ihre Leben scheinbar aneinander vorbei laufen… hatte es bildlich schon sehr viel von einem inszenierten Theaterstück. Auch während des Lesens fragte ich mich häufig, ob es dieses Stück, dieses Buch ist, für das die Figuren die ganze Zeit proben oder es einfach so ein geniales Abdriften ins Chaos ist, mit dessen Ende auch der Vorhang fällt und das Stück endet. Wer besetzt eigentlich welche Rollen, nimmt plötzlich neue Rollen ein und ist das ganze Leben vielleicht ein komplexes Rollenspiel? Wir nehmen wir andere? Welche Funktionen erfüllen wir? Dieses Buch hat so etwas sehr philosophisches, man könnte ewig darüber reden, rätseln, deuten… und das… woah. Ich war schon von „Intimitäten“ sehr begeistert, aber hiermit legt Kitamura noch einmal so eine Schippe drauf. Sehr, sehr toll!
Xavier bleibt da noch am Tisch sitzen, aber nach und nach nimmt er immer größere Räume im Theater und später auch in ihrem Leben ein. Oder doch nur in diesem Stück?
„Wir hatten Rollen gespielt, und eine Zeitlang - solange wir unsere jeweilige Rolle im Griff gehabt und in dem trügerischen Konstrukt mitgespielt hatten, das man Familie nennt, anders gesagt in der Geschichte, die einer dem anderen erzählt -, hatte alles reibungslos funktioniert. Doch je tiefer die Komplizenschaft geht, je länger sie währt, desto enger die Spielräume, desto strikter und bindender die Vereinbarung, und am Ende bedurfte es wenig, um alles zusammenbrechen zu lassen. Es war, als wäre eine Pause ausgerufen worden, als wäre uns beiden schlagartig aufgegangen, dass sein Text mangelhaft, meine Charakterisierung ungenügend, der gesamte Plot fehlerhaft und unplausibel war.“
Ich habe aufgrund dieses Romans sehr viel über die Wirkung, die Diskrepanz zwischen eigener und äußerer Wahrnehmung, über zwischenmenschliche Beziehungen und die Literatur an sich nachgedacht. Für mich ist dieser Roman mit diesen ganzen feinen, geschilderten Beobachtungen und Gedanken, sowie dem Plot sehr große Kunst, denn nicht nur durch die Aufteilung in zwei Teile, wird man plötzlich in eine ganz andere Realität geworfen, in der man sich als Lesende*r neu zurechtfinden muss, auch die Interpretationsmöglichkeiten und Perspektiven (ohne nun zu viel verraten zu wollen) innerhalb einzelner Szenen sind sehr vielfältig. Bereits die Anfangsszene fasziniert mich, denn von außen betrachtet, könnte es fast wie ein Date aussehen, während ihr selbst dieses Treffen eher unangenehm ist. Und als der Mann der Protagonistin zufällig auch in dieses Restaurant tritt und sie gar nicht wahrnimmt… so als würden ihre Leben scheinbar aneinander vorbei laufen… hatte es bildlich schon sehr viel von einem inszenierten Theaterstück. Auch während des Lesens fragte ich mich häufig, ob es dieses Stück, dieses Buch ist, für das die Figuren die ganze Zeit proben oder es einfach so ein geniales Abdriften ins Chaos ist, mit dessen Ende auch der Vorhang fällt und das Stück endet. Wer besetzt eigentlich welche Rollen, nimmt plötzlich neue Rollen ein und ist das ganze Leben vielleicht ein komplexes Rollenspiel? Wir nehmen wir andere? Welche Funktionen erfüllen wir? Dieses Buch hat so etwas sehr philosophisches, man könnte ewig darüber reden, rätseln, deuten… und das… woah. Ich war schon von „Intimitäten“ sehr begeistert, aber hiermit legt Kitamura noch einmal so eine Schippe drauf. Sehr, sehr toll!