Berührend, aber die Geschichte bleibt auf Abstand

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pandemonium Avatar

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Die Rätsel meines Großvaters ist ein Buch, das mich leicht zwiegespalten zurückgelassen hat. Einerseits fiel es mir unglaublich schwer, hineinzukommen. Die Sprache ist ungewöhnlich distanziert, vieles bleibt ungesagt, spielt sich zwischen den Zeilen ab. Natürlich ist manches kulturell begründet, und ich denke, die japanische Höflichkeit im Umgang miteinander ist für mein westlich geprägtes Empfinden schlicht ungewohnt. Doch die zurückhaltenden Charaktere sowie ihre ausbleibende Entwicklung halten die Geschichte für meinen Geschmack zu sehr an der Oberfläche. Es entsteht ein diffuser Eindruck, als würde man durch einen Filter schauen, der ein klares Bild von der Geschichte verhindert. Vielleicht ist aber auch durch die Übersetzung das ein oder andere verloren gegangen.

Andererseits schildert der Autor Masateru Konishi die Demenz des Großvaters mit so viel Mitgefühl und Würde, dass einem das Herz aufgeht. Überhaupt ist der Blick auf ältere Menschen von großer Liebe und Achtung geprägt – das hat mich sehr berührt. Gerade weil ich in unserer Kultur beobachte, wie sehr das Wort Pflege an Bedeutung verloren hat. Pflege bedeutet Geld. Und Familien können dieses Defizit meist nicht ausgleichen, da sie selbst am Limit sind. In Konishis Geschichte hingegen sind diese alltäglichen Herausforderungen und gesellschaftlichen Probleme kaum spürbar. Das macht wohl den Zauber aus, denn die Bücher gelten nicht umsonst als Wohlfühlliteratur. Allerdings fehlt der Geschichte genau deshalb auch ein Stück Tiefe.

Ein wesentlicher Baustein der Geschichte ist das enorme Detailwissen rund um den Regisseur Alfred Hitchcock und sein filmisches Werk. Mitunter wirkt es etwas irritierend, wenn die ungewöhnlichsten Schlussfolgerungen anhand von Filmszenen oder Eigenheiten Hitchcocks – etwa seinen Cameo-Auftritten – zur Lösung eines Falls führen. Überhaupt wirken viele der Fälle wie Storyboards zu einem Drehbuch. Gleichzeitig liest sich das Ganze wie die Hommage eines Fans an einen großen Regisseur. Doch dabei bleibt es nicht: Auch die Liebe zur Krimi- und Mystery-Literatur durchzieht das Buch. Vor allem die Meisterdetektive haben es dem Autor angetan. So ist der Großvater mit dem Scharfsinn eines Hercule Poirot gesegnet – zwar nur in den Momenten, in denen die Demenz ihn kurz loslässt, dennoch scheint die örtliche Polizei fast vollständig auf ihn angewiesen zu sein. Darauf muss man sich einlassen; dann lassen sich die vielen liebevollen Details durchaus genießen. Wer jedoch authentische Plots erwartet, wird hier enttäuscht. Um mit einem Zitat aus dem Buch zu schließen: „Es kommt auf die Perspektive an“ (S. 228).