Eine tolle Reise

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brini2403 Avatar

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Ich habe „Die Rätsel meines Großvaters“ mit einem ganz besonderen Gefühl in die Hand genommen – nämlich mit der Vorfreude auf ein Wiedersehen mit Kaede und ihrem Großvater. Nachdem mich der erste Band „Die Bibliothek meines Großvaters“ bereits tief berührt hatte, war ich gespannt, ob die Fortsetzung dieses warme, leise-magische Gefühl halten kann. Sie kann. Und wie.
Das Buch knüpft nahtlos an die Geschichte der jungen Lehrerin Kaede an, deren Großvater an Lewy-Körper-Demenz leidet. Was auf den ersten Blick wie eine Belastung wirken könnte, wird in Konishis Erzählung zu etwas unglaublich Schönem: einer einzigartigen Form der Zusammenarbeit. Der Großvater, dessen Gedächtnis immer wieder Lücken hat, blüht auf, wenn er mit Kaede Rätsel löst – sei es ein geheimnisvolles Vermächtnis, menschliche Schicksale oder alltägliche Geheimnisse, die durch Literatur und Fantasie entschlüsselt werden.
Was mir besonders gefallen hat: Die Rätsel sind klug konstruiert, ohne je in billige Krimi-Manier abzugleiten. Im Mittelpunkt stehen immer die Menschen und ihre Geschichten. Konishi gelingt es meisterhaft, die Demenz nicht nur als Krankheit, sondern als veränderte Wahrnehmung der Welt darzustellen – manchmal verwirrend, oft poetisch und voller unerwarteter Weisheit. Die Szenen, in denen Großvater und Enkelin zusammen improvisieren, mit Geschichten spielen und sich gegenseitig ergänzen, sind herzerwärmend und gleichzeitig von einer leisen Traurigkeit durchzogen. Man spürt die Endlichkeit dieser besonderen Beziehung.
Stilistisch bleibt das Buch angenehm ruhig und atmosphärisch. Es gibt keine großen dramatischen Wendungen, sondern eine sanfte, fast meditative Erzählweise, die perfekt zum japanischen Ursprung passt. Man taucht ein in eine Welt voller Bücher, kleiner Cafés, menschlicher Abgründe und großer Zärtlichkeit. Für mich war es genau das richtige Buch zum Abschalten und gleichzeitig zum Nachdenken – über Erinnerung, Familie und die heilende Kraft von Geschichten.