Verlust und Sehnsucht - was überwiegt?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
nil Avatar

Von

Mein erster Eindruck: Dieser Roman startet ausgesprochen melancholisch. Regen, See, Verlust, Erinnerungen, eine zerbrochene Ehe, eine vergangene Freundschaft – viel Leichtigkeit ist hier zunächst nicht im Gepäck. Und trotzdem hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass mir die Geschichte ihre Schwermut ungefragt überstülpt.

Denn da ist immer wieder diese wunderschöne schwedische Landschaft, die fast wie eine eigene Figur wirkt: Morgenrot auf dem Mälarensee, Fähren, rote Holzhäuser, Wald, Felsen, Wasser. Die Natur bekommt etwas Sehnsüchtiges und gleichzeitig Beruhigendes. Besonders schön fand ich die Szene, in der Marga trotz ihrer Angst ins Wasser geht. Aus Trauer und Erstarrung wird Bewegung – und plötzlich ist da für einen Moment wieder Freude.

Auch Judith trägt ordentlich emotionales Gepäck mit sich herum. Sie flieht nach Schweden, nachdem ihre Ehe zerbrochen ist, und landet ausgerechnet an dem Ort, der mit den schönsten, aber auch schmerzhaftesten Erinnerungen ihrer Kindheit verbunden ist. Dazu kommt die Frage nach Evi, der verlorenen besten Freundin. Man ahnt ziemlich schnell, dass hier Vergangenheit und Gegenwart noch einiges miteinander zu klären haben.

Was mir auffällt: Der Roman nimmt sich viel Zeit für Atmosphäre und Innenleben. Die Sprache ist bildreich, ruhig und sehr stark auf Gefühle und Erinnerungen ausgerichtet. Dadurch entsteht ein eher stiller Sog – kein temporeicher Auftakt, sondern einer, der seine Spannung aus den offenen Fragen entwickelt: Was ist damals mit Evi passiert? Was hat Marga erlebt? Und was wird Judith auf der Insel wiederfinden – außer ihrer eigenen Vergangenheit?

Die große Frage für mich nach diesem Anfang wäre tatsächlich: Bleibt der Roman dauerhaft auf dieser melancholischen Tonspur oder entwickelt sich aus all dem Schmerz noch etwas Leichteres, Geheimnisvolleres oder vielleicht sogar Spannendes? Denn momentan ist die Stimmung eindeutig: schwermütig, sehnsüchtig, nordisch und sehr gefühlvoll.

Noch ist mir das nicht zu melancholisch. Aber ich würde mir wünschen, dass zwischen all dem Verlust auch ein bisschen mehr Gegenwart, Überraschung und Lebensfreude ihren Platz bekommt. Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls da: zwei starke Frauenfiguren, ein geheimnisvoller gemeinsamer Ort und eine Vergangenheit, die offensichtlich noch nicht fertig erzählt ist....