Wenn Erinnerungen zurück ans Wasser führen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
maison.tania Avatar

Von

Die Regenschwimmerin von Romy Fölck hat mich bereits auf den ersten Seiten in ihren Bann gezogen. Der Prolog führt ins Jahr 1995 und zeigt eine Frau am Ufer des Mälarensees. Einst war ihr das Wasser vertraut und lieb, doch nach einem schmerzhaften Verlust hat sie es gemieden. Gerade die Zurückhaltung dieser Szene funktioniert für mich besonders gut. Es wird nicht sofort erklärt, was geschehen ist. Stattdessen bleibt zunächst nur dieses vorsichtige Näherkommen an den See, das spürbare Zögern. Der Schmerz, der dahinterliegt, wird dadurch eher erahnt als ausgesprochen – und genau das erzeugt eine starke Spannung.
Mit dem ersten Kapitel springt die Handlung in die Gegenwart und zu Judith. Nach der überraschenden Trennung von ihrem Mann setzt sie sich kurzerhand ins Auto und fährt nach Schweden, zurück an den Ort, an dem sie früher ihre Sommer verbracht hat. Besonders eindrücklich fand ich, wie unmittelbar ihre nächtliche Fahrt beschrieben wird. Müdigkeit, Gedanken und Erinnerungen vermischen sich, während die vertraute Landschaft nach und nach wieder vor ihr auftaucht. Mit jedem bekannten Ort scheint auch ein Stück Vergangenheit zurückzukehren. Färingsö bekommt dabei beinahe einen eigenen Charakter: Vieles hat sich verändert, anderes wirkt noch erstaunlich vertraut.
Im zweiten Kapitel richtet sich der Blick auf Marga. Dass sie ausgerechnet bei Regen schwimmen geht, wirkt zunächst wie eine eigenwillige Gewohnheit, vielleicht sogar ein wenig trotzig. Erst nach und nach erschließt sich, welche Bedeutung dieses Ritual für sie hat. Die Erinnerungen an ihren Vater und vor allem an ihre verstorbene Tochter lassen erkennen, dass das Schwimmen für Marga weit mehr ist als eine ungewöhnliche Leidenschaft. Es scheint ihr eine Möglichkeit zu geben, mit ihrem Schmerz weiterzuleben, anstatt sich von ihm bestimmen zu lassen.
Interessant finde ich dabei besonders die Verbindung zwischen Judith und Marga. Beide Frauen tragen Verlusterfahrungen mit sich und sind auf unterschiedliche Weise mit dem Wasser verbunden. Schon nach diesen wenigen Kapiteln entsteht der Eindruck, dass ihre Geschichten nicht zufällig nebeneinander erzählt werden. Genau diese mögliche Verbindung macht für mich einen großen Teil der Spannung aus.
Auch Fölcks Sprache hat mich überzeugt. Ihre Landschaftsbeschreibungen sind atmosphärisch und sehr sinnlich, bleiben dabei aber angenehm frei von Übertreibung. Die feuchte, algige Luft, der Regen auf der Haut und das Licht des frühen Morgens über dem See lassen die schwedische Landschaft beim Lesen beinahe greifbar werden. Nach diesen ersten Kapiteln bleibt bei mir vor allem die Neugier zurück, wie sich die Wege von Judith und Marga weiterentwickeln – und was sie am Ende miteinander verbindet.