Wende-Spionage-Parodie

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Zunächst dachte ich, ich hätte es mit einem mir unbekannten Autor zu tun – doch weit gefehlt, denn Kristof Magnusson zeichnete auch schon für „Ein Mann der Kunst“ verantwortlich, das ich sehr mochte. Nun legt er mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ also ein Spionageroman vor … man darf gespannt sein.

Worum es geht, sei knapp umrissen: In den 1990er Jahren ist die Welt noch besser; der Eiserne Vorhang ist weg, zahlreiche neue Möglichkeiten bieten sich – so auch einem jungen Dichter, Jakob Dreiser, der beim Sommerfest der Botschaft der Russischen Föderation auf Dieter Germeshausen, seines Zeichens altgedienter Geheimdienstler, trifft. Die beiden scheinen füreinander die optimale Strategie und Besetzung zur Lösung ihrer Probleme bzw. Erfüllung ihrer Träume.

Klingt wild? Ist es auch und mehr sei zur Handlung gar nicht gesagt, da die Geschichte in großen Teilen von der Abstrusität der Gemengelage lebt – ja, Abstrusität … erst im letzten Jahr dachte ich, eine Persiflage auf Agententhriller gelesen zu haben; nach der Lektüre von Magnussons Buch sehe ich mich gezwungen, meine damalige Bewertung zu ändern: Das Buch letztes Jahr war eine Satire, DAS hier ist die Persiflage, denn hier ist so einiges drüber. Da trifft man von den Protagonisten abgesehen (schon die hätten es in sich: jeder auf seine Art selbstgefällig, einer etwas naiv anmutend, etwas geschwätzig, der andere gekränkt und etwas mufflig) auf eine Fremdsprachenlehrerin an der russischen Botschaft – und Tante Hildegard, man trifft auf typische 90er-Jahre Elemente wie Punk-T-Shirts und Skaterpullover, Cord-Sakkos, Kaomas „Lambada“ usw. Weiteres sei nicht verraten, denn auch diese Einfälle tragen zum ziemlich hohen Unterhaltungswert bei. Allerdings sollte man dafür ein Faible für einfallsreiche Geschichten, die in weiten Teilen auch mal „drüber“ sind, haben. Schon die Idee, jemanden das „Prozedere“ bis zu seiner eigenen Vergiftung aufklären zu lassen, ist ja durchaus „originell“, anderes ist so „drüber“ und wieder anderes in dieser Geschichte ist auf anderer Ebene sehr stimmig: Denn die Protagonisten weisen viele Ähnlichkeiten auf, man erinnert sich (gerade wegen der vom Autor eingeflochtenen kleinen Details) an die 90er-Jahre zurück und wähnt das Geschehen möglich. Der Schreibstil changiert zwischen zwar flüssiger Lesbarkeit, aber auch wohltuender Originalität (man merkt dem Autor an, dass er gern mit Sprache spielt). Alles in allem fälle ich ein ähnliches Urteil wie bei Magnussons anderem Buch: Wer Kerkelings „Hurz“ mochte, wird „Die Reise ans Ende der Geschichte“ mögen. Weil mir die Spionage-Satire letztes Jahr jedoch besser gefiel, gibt es einen Stern Abzug.