Drei Frauen, drei Leben - eine Prägung

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Mit „Die Riesinnen“ erzählt Hannah Häffner eine Familiengeschichte, die fesselt. Über mehrere Jahrzehnte hinweg begleiten wir drei Generationen der Riessberger-Frauen - Liese, ihre Tochter Cora und die Enkelin Eva - in dem kleinen Dorf Wittenmoss im Schwarzwald. Alle drei Frauen stechen heraus, sind groß gewachsen, rothaarig, anders. Und genau dieses Anderssein zieht sich wie ein Thema durch ihr Leben.
Am Anfang steht Liese, eine Frau, die nie richtig Platz einnehmen darf. Ihre Ehe mit dem Metzger Bernhard wirkt von Beginn an - wie damals nicht ungewöhnlich - wie eine Entscheidung aus Vernunft, nicht aus Liebe. Sie ordnet sich unter, hält aus, wird still. Als statt des erhofften Sohnes ein rothaariges Mädchen geboren wird, scheint die Enttäuschung des Vaters vorprogrammiert. Cora wächst in einer Atmosphäre auf, in der sie zu viel ist, zu laut, zu wild, zu sichtbar. Die Gewalt, die sie erfährt, wird nicht ausgeschmückt, aber sie steht spürbar im Raum. Umso eindrücklicher fand ich Lieses Entwicklung nach dem Tod ihres Mannes. Sie übernimmt die Metzgerei, wächst in eine Verantwortung hinein, die sie sich nie ausgesucht hat, und behauptet sich in einer Welt, die ihr dafür eigentlich keinen Platz zugesteht. Ihre Haltung dem Leben gegenüber, dieses stille Akzeptieren dessen, was sich nicht ändern lässt, hat mich bewegt.
Cora ist ganz anders. Sie treibt weg, hinaus aus der dörflichen Welt, hinein in ein anderes Leben voller Suche und Haltlosigkeit. Ihre Flucht wirkt zunächst wie ein Befreiungsschlag aus der Wittenmooser Enge, doch sie endet anders als erhofft. Schwanger kehrt sie zurück nach Wittenmoos, wieder im Fokus der Blicke, des Geredes, der moralischen Urteile. Ich mochte an Cora besonders ihre Widerständigkeit. Selbst dort, wo sie sich anpasst, bleibt etwas Ungezähmtes in ihr. Dass sie keine klassische Heldin ist, sondern eine Suchende, macht sie für mich umso glaubwürdiger.
Mit Eva verändert sich der Ton der Geschichte erneut. Sie ist die erste, die nicht unbedingt wegwill. Der Wald, das Dorf, die Umgebung geben ihr Halt. Während Mutter und Großmutter hoffen, sie möge es „besser haben“ und die Welt sehen, sucht Eva ihr Glück gerade im Bleiben. Dieser Perspektivwechsel hat mir sehr gefallen, weil er zeigt, dass Freiheit nicht immer im Aufbruch liegt, sondern manchmal im bewussten Verwurzeltsein.
Was mich besonders berührt hat, ist der Umgang mit Heimat. Der Schwarzwald ist hier keine romantische Kulisse, sondern ein Ort voller Ambivalenz. Wittenmoss ist Schutzraum und Begrenzung zugleich und in beidem wird das Dorf durch die Autorin wertgeschätzt. Hannah Häffner beschreibt diesen Ort mit einer rauen, fast spröden Schönheit, mit Nebel, Dunkelheit, Stille, die sich tief mit den Figuren verbindet. Der Wald wird zur Kraftquelle, aber auch zum Spiegel der Innenwelt handelnder Figuren. Gerade diese Naturbeschreibungen haben bei mir starke Bilder ausgelöst und viel Atmosphäre geschaffen und beim Lesen Emotionen angesprochen.
Der Schreibstil der Autorin ist ruhig, konzentriert und oft überraschend poetisch. Hannah Häffner erklärt wenig, sie deutet an, lässt Lücken und vertraut darauf, dass man als Lesender mitgeht. Viele Sätze bleiben hängen, weil sie einfach sitzen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Insgesamt entstand dabei in mir eine besondere emotionale Verbundenheit mit den handelnden Figuren, die auch nach der letzten Seite noch wirken.
Am Ende hatte ich das Gefühl, drei Frauen begegnet zu sein, die mir erstaunlich nah gekommen sind. „Die Riesinnen“ ist ein lesenswerter Roman. Einer, der von weiblicher Stärke erzählt, ohne sie zu verklären, und der zeigt, wie sehr Herkunft prägt, selbst dann, wenn man glaubt, sich längst davon gelöst zu haben. Für mich ein eindrucksvolles, ehrliches Buch.