Jahreshighlight
„Das Dorf sitzt in den Wiesen, schön wie für eine Postkarte, man sieht die Lügen nicht, nicht die Wunden, man sieht nur, wie hübsch alles ist, wie hübsch es immer war.“ (Die Riesinnen)
Es ist Anfang Mai und ich bin mir sicher, dass dies eines meiner Jahreshighlights sein wird. Was macht dieses Buch für mich so besonders?
Im Mittelpunkt von Die Riesinnen stehen drei Frauen aus drei Generationen: Liese, Cora und Eva. Ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher sein und sind doch auf eine stille, tief verwurzelte Weise miteinander verflochten. Liese wächst in einer rauen Nachkriegszeit auf und muss sich in einer Welt behaupten, die wenig Raum für eigene Wünsche lässt. Sie hält durch, trägt, funktioniert und macht vor allem weiter.
Ihre Tochter Cora will raus aus der Enge, weg aus dem Dorf, weg aus dem, was sie einengt. Sie bricht auf, sucht Freiheit, nur um irgendwann zu erkennen, dass Flucht nicht automatisch Ankommen bedeutet. Und schließlich Eva, die zwischen diesen beiden Frauen aufwächst, zwischen Pflicht und Aufbruch, Vergangenheit und Zukunft, und versucht, ihren eigenen Weg zu finden.
Ohne große äußere Dramatik entfaltet sich das Leben dieser drei Frauen. Gerade diese Zurückhaltung macht den Roman so intensiv. Man rückt nah an die Figuren heran, versteht ihre Entscheidungen, fühlt ihre Brüche und ihren Zusammenhalt. Besonders eindrücklich ist, wie die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Generationen nebeneinanderstehen.
Was Die Riesinnen besonders auszeichnet, ist die Sprache. Hannah Häffner schreibt ruhig, feinfühlig und mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe. Immer wieder bleibt man an einzelnen Sätzen hängen, weil sie so präzise und zugleich poetisch sind. Die Sprache ist leicht und gleichzeitig rau, kantig und schön. Ganz große Leseempfehlung!