Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde

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downey_jr Avatar

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In Wittenmoos, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, leben die „Riesinnen“: Liese, die zur Metzgerin des Ortes geworden ist, obwohl sie sich ihr Leben immer ganz anders vorgestellt hatte, aber als Witwe mit Kind ihr Leben meistern musste.

„Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier.“

Dann folgt Cora, die Tochter, die immer ausbrechen und die weite Welt sehen wollte, aber schwanger ins Heimatdorf zurückkehrte.
Und schließlich Eva, Coras Tochter, die erst wegzieht zum Studieren, aber aus Liebe zum Wald und zur Heimat wieder nach Wittenmoos zurückkehrt.

„Vor dem Abitur hat sie oft so getan, als hätte sie große Pläne, viele Pläne, aber die waren abgeschaut, von den Erwartungen anderer. In Wahrheit hat es ihr in der Lunge wehgetan, wenn sie an die Welt gedacht hat, als zerrte jemand an ihren Wurzeln, die dick und unverrückbar sind, bis tief in den Körper und von dort tief in die Erde reichen.
Was ist falsch an Wurzeln?
Sie halten dich, das ist es, das ist ihr Fehler und das einzig Sinnvolle, was sie tun.“

„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner ist ein eindrucksvoller Drei-Generationen-Roman, der vor allem sprachlich unfassbar beindruckend ist.

„Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden; wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben.“

Die Liebe zur Natur und die Heimatverbundenheit wurden in der poetisch-sperrigen (ein passenderer Ausdruck will mir spontant nicht einfallen) Sprache der Autorin mit jedem Wort spürbar.
Auch historisch interessant zu lesen ist die Geschichte, die in den 60er Jahre beginnt und bis in die Gegenwart reicht.
Final fehlten mir ein wenig die Emotionen - so poetisch und schön die Sprache ist, so nüchtern wirken die drei Frauen in der Geschichte. Ich konnte nicht wirklich einen Bezug zu ihnen herstellen, auch wenn ich ihre Gedankengänge oft gut nachvollziehen konnte.

Dennoch hoffe ich sehr, von Hannah Häffner bald noch mehr lesen zu dürfen, denn ihre Sprache ist wirklich einzigartig.

Vielen Dank an den Penguin Verlag und an den Thalia Book Circle für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚