Sprachlich und inhaltlich außergewöhnlich stark

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missmarie Avatar

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"Oder aber sie nimmst sich, was ihr gehört [...]. Auch wenn sie dafür jemand sein muss, der sie noch nie war."

Was tut man, wenn man in einem Dorf aufwächst, das einen ausgrenzt, weil man anders ist? Weil man größer und dünner ist als die durchschnittlichen Frauen. Weil man wagt, zu träumen von einer Welt außerhalb. Weil man in den 60er-Jahren für seine Rechte einsteht und alleine ein Kind großzieht? Und was ist, wenn man unheimlich wütend ist und gar nicht weiß warum? Wohin mit der Wut in all dem Erwachsenwerden? Und was ist Heimat, wenn nicht nur ein Konstrukt?

In Hannah Häffners Generationenportrait begegnen wir drei Frauen, die auf ihre Weise stark und "anders" sind. Es ist beeindruckend, diese detailliert gezeichneten Figuren beim Großwerden (was nicht zwingend mit Erwachsenwerden gleichzusetzen ist) zu begleiten. Da ist zunächst die älteste der drei Frauen, Liese, die durchhält. Die die Dinge tut, die man eben muss, und schmerzhaft einst geträumte Träume vergräbt. Wie gut versteht man ihre Tochter Cora, die raus will aus der zu engen Dorfwelt und die die Entscheidungen ihrer Mutter so gar nicht nachvollziehen kann - bis sie selbst Mutter wird.

Genau in dieser "Drei-Geschichtlichkeit" steckt der Zauber des Buches. Die verschiedenen Perspektiven mischen sich auf gekonnte Weise mit dem Wissen der Leser. So kommt es, dass wir auf der einen Seite sehr gut verstehen, warum Cora alles anders machen möchte als ihre Mutter, deren Versuche, sie mit Freundinnen anzubandeln, insgeheim lächerlich findet. Und gleichzeitig verstehen wir den Wunsch der Mutter, die Tochter zu schützen, für sie da zu sein. Ähnlich verhält es sich dann auch mit Eva, Coras Tochter bzw. Lieses Enkelin, die der Natur ganz anders verbunden ist als die Mutter.

"Die Riesinnen" ist ein Buch, das man schnell nicht mehr aus der Hand legen mag. Nach zwei, drei Sätzen hat man sich festgelesen. Das liegt nicht zuletzt an der Poesie, mit der Hannah Häffner erzählt. Jeder Satz ist dicht, durchdacht, ein Satz fließt in den anderen, die Erzählung zieht in den Bann. Und schon sind 50 Seiten verfolgen. Der Roman mag zwar auf den ersten Blick leise daher kommen und mit seinem Umfang von über 400 Seiten abschrecken. Dennoch wünscht man sich nach dem letzten Satz noch mindestens 100 weitere Seiten lesen zu können.

Zwischen den Zeilen steckt so viel Klugheit, Lebensweisheit und Stärke, dass man das Buch immer wieder zur Hand nehmen mag. Genau so muss Literatur sein: Einblicke in fremde Biografien geben und damit (auch) ein freundlicher Ratgeber in Sachen Wünsche, Ziele und Stärke sein.