(Un-)Zugehörigkeit - ein Highlight

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"Was haben sie daran geglaubt, dass sie zusammengehören, nur um festzustellen, dass nichts für die Ewigkeit sein kann, was menschlich ist." (S. 277)

Drei Frauen, so groß, so rothaarig, so anders - und trotzdem gehören sie dazu. Nach Wittenmoos, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, borniert, konservativ, jeder weiß über jeden Bescheid. Sie brechen aus in ihrer Haltung, ohne den Ort wirklich lange zu verlassen. Liese übersteht eine langweilige und trostlose Ehe, die von Gewalt gezeichnet ist. Halt gibt ihr ihre Tochter Cora, die bereits als Kind zur Außenseiterin wird. Im jungen Erwachsenenalter flieht sie aus dem engen Korsett der Dorfgemeinschaft, nur um kurze Zeit später in schwangerem Zustand und resigniert wieder zurückzukehren. Ihre Tochter Eva will eigentlich gar nicht weg aus Wittenmoos, studiert kurz in einer größeren Stadt, um danach, sowie die beiden anderen Frauen auch, ihre Bestimmung zu finden.

Hannah Höffner ist mit "Die Riesinnen" ein grandioser, literarisch anspruchsvoller Roman gelungen, der drei Generationen von Frauen portraitiert, die anderes für sich gewollt hätten, das Leben aber so nehmen, wie es kommt, um das beste daraus zu machen. Der Schreibstil der Autorin ist sehr poetisch, teils nüchtern, oft philosophisch, was einem durchaus etwas abverlangt. Ihr Sinn, eine dichte und eindrückliche Atmosphäre zu schaffen, ist feinfühlig und atemberaubend zugleich. Die Geschichte wirkt aus der Zeit gefallen und ist deshalb umso einnehmender. Das gesellschaftliche Korsett der Dorfgemeinschaft ist eng geschnürt, deshalb ist es umso erstaunlicher, dass sie trotzdem ein schier unüberbrückbarer Anziehungspunkt ist, dem die Protagonistinnen nur halbherzig entfliehen mögen.

Der Roman hat einen beeindruckenden Tiefgang, zahlreiche Themen werden verhandelt. Zentral ist aber immer die Frage nach der Heimat, nach den Wurzeln, auch jene des eigenen Selbst. Neben den drei Frauen ist der Schwarzwald und seine betörende Natur ein wesentlicher Protagonist, er scheint für alle ein essentielles Lebenselixier zu sein, genauso wie die familiäre und intensive Bindung zueinander - und das alles ohne jeglichen Kitsch, mit einer Klarheit, die oft im Versteckten lauert, aber irgendwann sicher zum Vorschein kommt. Besonders schön herausgearbeitet ist meines Erachtens die Unterschiedlichkeit der drei Frauen, die aber niemals ohne einander können und unmissverständlich zueinander gehören. Wie sie mit den vielfältigen Herausforderungen des Lebens umgehen, trotz vieler Schicksalsschläge, ist nachvollziehbar und strotzt vor innerlicher Stärke, die ihnen aber so gar nicht bewusst ist. Einer der besonderen Aspekte des Buches ist es auch, dass wirklich die drei Frauen im Mittelpunkt stehen und alle anderen Figuren, so sehr sie sie beeinflussen oder auch nicht, nur peripher steuernde Charaktere sind, die nie eine so zentrale Rolle spielen, als dass die Protagonistinnen aus ihrem Mittelpunkt fallen würden.

Mein Fazit: "Die Riesinnen" ist ein unvergleichliches Lesehighlight, das durch poetische, nüchterne und philosophische Sprache und der feinen Beobachtungsgabe von familiärer Bindung besticht. Zentral sind drei starke Frauen, tief verbunden mit dem Schwarzwald, die trotz Widrigkeiten und Enge der Dorfgemeinschaft für sich selbst kämpfen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ein sehr besonderes Buch, das wohl in den nächsten Jahren immer als eins meiner Lieblingsbücher gelistet werden wird.