Wunderbarer Roman

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jannehanne Avatar

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„Die Dunkelheit ist sprichwörtlich und wild. Sie türmt sich in den Wolken, die über dem Tal liegen, und streckt sich weit bis an die Zipfel des Himmels." (S.7)
Was für ein schöner Einstieg in den Roman! Mit poetischer, zum Teil leicht verspielter Sprache beschreibt Hannah Häfner das Leben von drei Frauengenerationen im Schwarzwald. Es geht um Außenseitertum, Angenommensein in der Familie, Heimat suchen und finden, weibliche Selbstbestimmung. Besonders beeindruckend fand ich die Schilderung und Beschreibungen der Natur. Aber auch die drei Figuren Liese, Cora und Eva wachsen einem zunehmend ans Herz, so unterschiedlich sie auch sind. Es gibt Sätze, an denen bleibt man hängen, die berühren etwas in einem, sodass man sie manchmal dreimal lesen möchte:
„In Wittenmoos ändern sich selten Dinge, darum geht es ja gerade. Das große Sichdrehen braucht eine Achse. (...) Ein Ort, an dem man hingehört, auch wenn man ihn sich nicht ausgesucht hat. Geh, und alles hinter dir zerfällt, bleib, und du musst bleiben, wer du bist, weil es sonst nicht funktioniert. Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?" (S. 102)
„Alles, was für immer sein soll, (...) nimmt einem die Luft. Lass es für heute sein, für ein Jahr vielleicht. Ein Jahr kannst du tragen. Ein Jahr darf schrecklich sein, und mies. Das macht noch kein mieses Leben." (S. 287)
Alle drei Frauen verlassen, wenn manchmal auch nur sehr kurz, ihr Dorf. Gerade was sie dort erleben, verändert noch mal in unterschiedlicher Weise die Perspektive auf ihre Heimat im Schwarzwald:
„In Wittenmoos hat sie nie über die Dinge nachdenken müssen. Ihre Freunde waren einfach da – und einfach ihre Freunde, da gab es nichts zu denken und nichts zu fürchten, auch nicht die Einsamkeit, nicht einmal ihre Schatten." (S. 270)
Es ist ein Roman, der sich trotz seiner poetischen Sprache ausgesprochen flüssig liest und sehr zugänglich ist, bei dem viele Bilder im Kopf entstehen und der einen immer wieder berührt und zum Nachdenken bringt. Ich bin aufgrund des Einstiegs mit hohen Erwartungen in das Buch gegangen. Zwischendrin flachte für mich die Spannungskurve etwas ab. Dennoch habe ich das Lesen des Romans aufgrund seiner wunderbaren Sprache wirklich genossen bzw. mich immer auf den Moment im Alltag gefreut, wenn ich „Die Riesinnen" als Leserin weiter begleiten konnte.